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Imam-Ausbildung : Islam auf Deutsch

  • -Aktualisiert am

Im Ostberliner Stadtteil Karlshorst steht Deutschlands erste private Islamschule Bild: Matthias Lüdecke

In Berlin eröffnet die erste private Imam-Schule. Ab April sollen in der Internatsschule 29 Männer aus Deutschland und den Niederlanden zu islamischen Predigern ausgebildet werden. Bislang kommen die meisten Imame in Deutschland aus der Türkei oder arabischen Ländern.

          Alexander Weiger zieht die Hände weg. Einer Frau zur Begrüßung die Hand zu schütteln - undenkbar. „Das ist verboten, es wäre eine Sünde für uns“, sagt der 37 Jahre alte gebürtige Bayer, der Deutschlands erste private Imam-Schule im Ost-Berliner Stadtteil Karlshorst leitet. Er ist vor zwei Jahren zum Islam konvertiert. Manch eine Besucherin versteht diese strenge Regel nicht: „Das ist doch vorsintflutlich“, sagt eine Frau aus Pankow. Erstmals informierte die Imam-Schule am Freitag mit einem Tag der offenen Tür etwa hundert Besucher über ihre Arbeit. Auch Frauen waren willkommen - ausnahmsweise, denn die künftigen Imame dürfen aus religiösen Gründen nicht mit Frauen zusammenkommen.

          Ab April sollen in der Internatsschule 29 Männer aus Deutschland und den Niederlanden, die zwischen 18 und 25 Jahre alt sind, zu islamischen Predigern ausgebildet werden. Auf dem Lehrplan stehen Arabisch, Türkisch, Koranlehre, Religion, Kunst, aber auch Deutsch und Gesellschaftskunde. Diese beiden Fächer unterrichtet Alexander Weiger, der Politikwissenschaft studiert hat. „Wir wollen Imame ausbilden, die in der Gesellschaft verankert sind und die deutsche Sprache perfekt beherrschen“, sagt der Schulleiter. „Uns ist sehr wichtig, Imame auszubilden, die Jugendliche in Deutschland erreichen“, ergänzt Yasar Erkan, der Vorsitzende des Vereins „Institut Buhara“.

          Keine Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Inhalte

          Der Berliner Verein ist Träger der Schule; seine etwa 300 Mitglieder, die vor allem aus der Türkei stammen, bekennen sich zum Sufismus, einer mystischen Richtung des Islam. Mit Spendengeldern und ehrenamtlichen Helfern hat Buhara 2004 das ehemalige Kulturhaus der Eisenbahner in Karlshorst gemietet und dann zu dem Internat umgebaut. „Anhaltspunkte für rechtswidrige oder verfassungsfeindliche Inhalte oder Aktivitäten des Vereins liegen derzeit nicht vor“, sagt ein Sprecher der Berliner Senatsverwaltung für Bildung. Eine Genehmigung brauche die Schule nicht - es handele sich um eine private Einrichtung, die nur „anzeigepflichtig“ sei. Buhara habe den Antrag schon eingereicht, „die wesentlichen Informationen“ lägen vor. Einige müssten noch nachgereicht werden, dann könne der Schulbetrieb beginnen.

          Bislang kommen die meisten Imame in Deutschland aus der Türkei oder arabischen Ländern. Sie kennen oftmals die deutschen Gepflogenheiten nicht, was mitunter zu Unverständnis führt. Islamische Organisationen bewerten die Berliner Imam-Schule unterschiedlich: Der größte türkische Dachverband, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib), holt bislang seine Imame aus der Türkei. „Wir legen großen Wert darauf, dass unsere Imame einen theologischen Hochschulabschluss haben. Deshalb halten wir solche Bestrebungen wie die Berliner Imam-Schule nicht für ausreichend“, sagt Bekir Alboga, Leiter der Dialogabteilung.

          Der Verband Islamischer Kulturzentren kennt das Konzept der Schule noch nicht. Erol Pürlü, der Dialogbeauftragte des Verbands, sagt aber: „Imame in Deutschland auszubilden ist immer ein guter Ansatz.“ Der Verband bilde schon seit Jahren deutschsprachige Imame aus. Burhan Kesici von der Islamischen Föderation in Berlin unterstützt die Einrichtung: „Natürlich muss sie sich in Zukunft bewähren, das Konzept ist gut.“

          Gewinn für Berlin

          Der 18 Jahre alte Karlshorster Imam-Schüler Ilyas Kisla besucht nach seinem Hauptschulabschluss schon einen der Vorbereitungskurse des Instituts, die seit einigen Monaten laufen. Kislas Ziel ist es, Islamwissenschaftler und Vorbeter einer Gemeinde zu werden. „Ich möchte gerne später auf Deutsch predigen können“, sagt er. Er stamme aus einer sehr gläubigen Familie aus München, die sechs Jahre dauernde Ausbildung, die pro Jahr 4000 Euro kostet, bezahlten seine Eltern.

          Vor einigen Wochen tauchten in der Umgebung der Imam-Schule Flyer der rechtsextremen NPD auf. „Klammheimlich“ entstehe eine „Koranschule“, stand darauf. Schulleiter Weiger sagt, man habe Angst gehabt, ein zweites Pankow zu werden. Damit meint er die zum Teil heftigen Proteste vor und während des Baus der Moschee im Osten Berlins im Pankower Stadtteil Heinersdorf, die Ende vergangenen Jahres eröffnet wurde. Deshalb sei das Institut zunächst sehr vorsichtig mit Informationen gewesen. Uwe Seidel, der Kontaktbereichsbeamte des zuständigen Polizeiabschnitts 64, sagt jedoch, derlei Ängste seien „unbegründet“. Und die zuständige Bezirksbürgermeisterin von Lichtenberg, Christina Emmerich (Linkspartei), sagt: „Wir sind schon lange kein rechtsextremer Bezirk mehr.“ Das zeige auch die Imam-Schule. „Sie ist ein Gewinn für uns und Berlin“, sagt Frau Emmerich. Der Verein schotte sich nicht ab, sondern führe Gespräche mit den Kirchen und dem Karlshorster Bürgerverein.

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