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Besuch im Stahlwerk : Baerbocks Auswärtsspiel

Schwieriges Terrain für die grüne Parteichefin: Annalena Baerbock am Freitag im Stahlwerk von ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt Bild: dpa

Ausgerechnet in einem Stahlwerk in Eisenhüttenstadt präsentiert die Kanzlerkandidatin der Grünen ihre Pläne für eine klimafreundliche Wirtschaftpolitik. Wie kommt das an?

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          Eisenhüttenstadt trägt den Hochofen in seinem Wappen, und die Eisenhüttenstädter sind stolz darauf. Chris Rücker ist besonders stolz. Er hat am Hochofen gelernt, und da möchte er bleiben und weiter das glühende Roheisen und die Schlacke in die richtigen Rinnen lenken.

          Helene Bubrowski
          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Jetzt steht der Hochöfner in der Werkshalle von ArcelorMittal und stemmt die Hände in die Hüften. „Wir finden es nicht okay, wenn in fünf Jahren kein Hochofen mehr da ist“, sagt er. Es geht ihm dabei nicht nur um Emotionen, sondern auch um sehr Handfestes: „Was wird aus den gut bezahlten Arbeitsplätzen? Sie reden immer von Zukunft, aber irgendwann müssen wir auch mal ankommen in der Zukunft. Die Leute brauchen Sicherheit.“

          Vor Rücker steht Annalena Baerbock, die grüne Kanzlerkandidatin. Es war ein ziemlich frontaler Angriff, aber Baerbock nickt verständnisvoll. „Sie brauchen die Sicherheit, weiterhin Ihren Lohn zu bekommen.“ Und ja, fünf Jahre seien eine sehr kurze Zeit. An den eigenen Kindern sehe sie, wie schnell die Jahre vergingen.

          Der Stahlproduzent will staatliche Förderung

          Aus Sicht der Belegschaft sind auch die Vorschläge Baerbocks ein frontaler Angriff. Sie meint, dass der Stahl in Eisenhüttenstadt künftig klimaneutral produziert werden müsse, also in einem Elektrolichtbogenofen statt im Hochofen. Doch Baerbock steht nicht allein in der Höhle des Löwen. Über das Ziel ist sie mit der Geschäftsführung von ArcelorMittal einig. „Wir wollen in Deutschland eine Vorreiterrolle übernehmen und bereits ab 2026 bis zu 50 Prozent der CO2-Emissionen reduzieren“, sagt Reiner Blaschek, der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens. Doch der Umbau sei teuer, ohne Förderung gehe das nicht.

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          Baerbocks Botschaft an diesem heißen Freitagvormittag in Ostbrandenburg soll sich daher nicht um Forderungen drehen, sie will dem Unternehmen und der Belegschaft ein Angebot machen: Wenn es nach den Grünen geht, sollen Unternehmen, die auf klimaneutrale Produktion umstellen, finanzielle Unterstützung bekommen. Baerbock nennt das „Pakt zwischen Industrie und Politik“.

          Doch mit den Details der Klimaschutzverträge, über die Baerbock so gerne spricht, hält sie sich in der Werkshalle zurück. Sie bemüht sich, keine Vorträge zu halten, sondern ein Gespräch mit den Arbeitern zu führen. Und sie achtet auf ihre Worte. Die Grünen haben sich abgewöhnt, über „schmutzigen Stahl“ oder „dreckige Kohle“ zu reden. Irgendwann haben sie verstanden, dass das die Menschen verletzt.

          Gewerkschafter warnt vor Radikalisierung

          „Wir machen uns große Sorgen“, sagt ein Auszubildender. Er könne sich kaum vorstellen, wie die Umstellung auf den Elektrolichtbogenofen so schnell gelingen solle. Dafür brauche es Wasserstoff, aber die nötige Pipeline gebe es doch noch gar nicht in Ostbrandenburg. „Darf ich fragen, wo du deine Ausbildung machst?“, fragt Baerbock und führt aus, dass man Fördermittel künftig bündeln müsse, damit kein Geld versande.

          Holger Wachsmann von der IG Metall Ostbrandenburg ist am Freitag auch bei ArcelorMittal. Er will so etwas sein wie der Vermittler zwischen den Welten. „Die Leute in Ostdeutschland haben schon Transformationsprozesse hinter sich“, sagt er. In Eisenhüttenstadt, dieser einstigen Planstadt um das Eisenhüttenkombinat Ost, sei die Umstellung zur Marktwirtschaft gut gegangen, aber woanders nicht.

          „Der Umbau muss gelingen, das ist ein Fakt“, sagt Wachsmann, aber er warnt vor einer „noch größeren Radikalisierung“, wenn die Leute auf der Strecke blieben. AfD würden hier schon einige wählen, sagt ein Arbeiter abseits der Pressekonferenz, aber die Grünen keiner. Schon gut, dass Baerbock gekommen sei, aber sie hätte sich ruhig etwas mehr Zeit nehmen können.

          Der Betriebsratsvorsitzende hat alle Fragen, für die am Freitag keine Zeit war, in einem Brief zusammengefasst, den Baerbock mit nach Berlin nehmen soll. „Es wäre schön, wenn Sie trotz des Wahlkampfs Zeit dafür finden.“

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