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Angeklagte IS-Rückkehrerin : Eine selbstbewusste Frau

Die Angeklagte Jennifer W. soll ein Kind als Sklavin gehalten haben. Neben ihr steht ihr Anwalt. (Archivbild) Bild: dpa

Im Prozess gegen eine IS-Rückkehrerin sagt eine Zeugin aus – und schildert die gemeinsame Zeit im syrischen Frauenhaus. Die Angeklagte Jennifer W., die ein Kind verdursten lassen haben soll, beschreibt sie als selbstbewusst.

          Kind weg, Wohnung weg, Ehe gescheitert. Sie sei also „das perfekte Opfer“ für die Gehirnwäsche des IS gewesen, sagt die Zeugin, eine gelernte Bauzeichnerin. „Wenn die Nachbarin jeden Tag das Jugendamt ruft, und du dann aus deiner Wohnung fliegst. Ich wollte einfach nur noch weg.“ 2014 war das, zu der Zeit war die heute 50 Jahre alte Frau schon seit ein paar Jahren zum muslimischen Glauben konvertiert, wegen ihres Kopftuches sei sie aber „gemobbt“ worden. Über Facebook kam sie in Kontakt mit einer Frau vom IS, die ihr schrieb: „Komm zu uns, hier wirst du nicht verfolgt!“ Gewirkt hat dann vor allem „die Liebesschiene“. Sie verfiel, ebenfalls im Netz, den Liebesbezeugungen eines in Deutschland lebenden Türken. Um ihn zu heiraten, setzte sie sich Ende 2014 „nach zweimonatiger Gehirnwäsche mit Koranversen“ ins Flugzeug und kam über Umwege schließlich in ein Frauenhaus in Syrien. Dort wartete sie auf Nachricht von ihrem versprochenen Mann, zusammen mit Dutzenden anderen Frauen: Aus England, arabischen Ländern, Australien, Schweden und Deutschland.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Eine davon war Jennifer W.. Die 27 Jahre alte Frau muss sich seit April vor dem Oberlandesgericht München wegen Mordes verantworten. Ihr wird vorgeworfen, in Syrien und im Irak den IS unterstützt zu haben. Im Sommer 2015 soll Jennifer W. zusammen mit ihrem irakischen Ehemann (nach islamischen Recht) ein kleines jesidisches Mädchen aus einer Gruppe jesidischer Kriegsgefangener „gekauft“ haben. Das Kind sollen sie als Sklavin gehalten haben. Weil sich die Fünfjährige einmal auf einer Matratze eingenässt habe, sei der Mann so in Wut geraten, dass er das Kind vor dem Haus in der sengenden Hitze angekettet habe – so lautet die Anklage. Jennifer W. sei „untätig“ geblieben: Sie habe dem Kind kein Wasser gebracht und die Handschellen nicht gelöst. Das Kind verdurstete. Jennifer W. ist daher wegen Mordes durch Unterlassen und wegen eines Kriegsverbrechen nach dem Völkerstrafgesetzbuch angeklagt. Sie soll zudem im Dienste der „Religions-und Sittenpolizei“ des IS mit Waffen durch Falludscha und Mossul patrouilliert sein, um Frauen zur Einhaltung der Kleidervorschriften anzuhalten.

          Ihr Aussehen sei Jennifer W. sehr wichtig gewesen, sagt die Zeugin. „Sie war immer perfekt geschminkt und sehr schick angezogen“. Zwar durften die Frauen nur im Niqab nach draußen, aber im Haus selbst gab es keine Vorschriften. Das Leben dort schildert die Zeugin als trostlos: Handys und Pässe wurde ihnen abgenommen, zu tun gab es nichts und von den versprochenen Männern sahen die Frauen auch nichts. Dafür gab es überall Mäuse und Kakerlaken, ab und zu fiel mal eine Bombe in der Ferne, aber sie wurden nie getroffen: „Die werden ja nicht ihre eigenen Prostituierten wegbomben, hieß es immer.“ Auch Jennifer W. sei der Liebe wegen nach Syrien gekommen. Die Zeugin schildert sie als sehr intelligent: Sie habe „das System des IS schon früh durchschaut“, habe eigentlich zur PKK gehen wollen.

          Die Angeklagte habe sich als Einzige in dem Frauenhaus dagegen gewehrt, ihr Handy abzugeben. „Sie hat es einfach nicht gemacht, Respekt!“ Und sie hat sich gegen den Zwang zur Wehr gesetzt, einen Bluttest machen zu lassen. „Die mussten sie mit Gewalt aus dem Haus tragen, aber sie hat sich durchgesetzt.“ Im Januar 2015 ist Jennifer W. nach den Schilderungen aus dem Frauenhaus zu ihrem ersten Mann gezogen. Wochen später haben sie sich dann in einem weiteren Frauenhaus wiedergetroffen. Jennifer W. sei „völlig traumatisiert“ gewesen. Die „Ehe“ zu ihrem Mann war schon geschieden, er habe sie wohl sehr schlecht behandelt. Doch bald schon traf Jennifer W. nach den Angaben auf die zweite große Liebe: einen Iraker, der manchmal gerufen wurde, um sich um die Frauen zu „kümmern“. Worin denn das Kümmern bestanden habe? „Er hat Geister ausgetrieben.“ Den Mann wollte W. heiraten, der IS war zunächst dagegen. Am Ende habe sie sich auch damit durchgesetzt. Sie ging mit ihm nach Falludscha.

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