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Auschwitz-Prozess : Vage Aussagen

Oskar Gröning am dritten Verhandlungstag in Lüneburg. Bild: AFP

Der Prozess gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning hat bisher kaum Fortschritte gemacht. In den entscheidenden Punkten bleibt der Angeklagte vage. Doch es gibt auch Szenen der Vergebung.

          Am Ende seiner Aussage bittet Max Eisen darum, noch einige Worte sagen zu dürfen. „Gerechtigkeit muss ihren Platz haben, auch wenn sie 70 Jahre später erfolgt“, äußert er. Eisen wurde mit 15 Jahren im Frühjahr 1944 mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert. Als er über ein Jahr später zurück in sein Heimatdorf kam, war das Einzige, was ihm von seiner Familie blieb, ein staubiges Foto, das eine Nachbarin gefunden hatte und ihm gab. Er bittet darum, eine Kopie des Bildes zu den Akten zu nehmen, auch wenn es zur Aufklärung des Falles nichts beitragen wird.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Wie schwer es ist, 70 Jahre später Gerechtigkeit zu schaffen, wurde in den ersten drei Verhandlungstagen gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning in Lüneburg mehr als deutlich. Ein 93 Jahre alter Angeklagter, der offen über die Verbrechen in Auschwitz spricht, aber in den entscheidenden Punkten meist vage bleibt. Staatsanwälte, die dem Angeklagten Aussagen vorhalten, die er vor über 30 Jahren in Ermittlungsverfahren getätigt hat, an die er sich heute aber so nicht mehr erinnern kann. Und Zeugen, die von ihren furchtbaren Erlebnissen in Auschwitz berichten, aber zu den konkreten Vorwürfen gegen Gröning kaum etwas sagen können. Viele Fragen, die offenbleiben, weil die deutsche Justiz 70 Jahre nur die wenigsten der SS-Männer aus Auschwitz verfolgte.

          Die Fragen in der Verhandlung kreisen darum, was an der Rampe des Vernichtungslagers geschah. Die Selektionen waren ein zentraler Schritt bei der Ermordung. Gröning gibt zu, drei Mal aushilfsweise an der Rampe in Auschwitz-Birkenau gestanden zu haben. Aber nur, um das Gepäck vor Diebstählen zu schützen. Ohne einen nachgewiesenen Beitrag Grönings bei der Verladung von Menschen an der Rampe müsste das Landgericht Lüneburg noch weiter mit der deutschen Justizpraxis zu Auschwitz brechen, um Gröning zu verurteilen. Dann müsste es sagen, dass jeder, der an dem Funktionieren des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau mitwirkte, einen Beitrag zu den Morden in den Gaskammern leistete – und juristisch Beihilfe beging.

          Als Max Eisen nach drei Tagen und drei Nächten Fahrt in einem überfüllten Viehwaggon in Auschwitz aus dem Zug stieg, hatte er nur Augen für seine Mutter, die kleine Schwester, die Tante, die in die andere Reihe gestellt wurden. Sie wurden noch am selben Tag in den Gaskammern ermordet.

          Was bisher dagegen deutlich wurde, ist, dass der damals 21 Jahre alte überzeugte Nationalsozialist Gröning im Oktober 1942 nach Auschwitz kam, ohne zu wissen, was ihn dort erwartete. „Auschwitz hat mir Angst gemacht“, hatte er am ersten Tag gesagt. Er sah Gewaltexzesse, die ihn verstörten, er stellte Versetzungsgesuche, aber er blieb. Er wurde wegen seiner Sparkassenausbildung der Gefangeneneigentumsverwaltung zugeteilt und verwaltete dort das Geld der Lagerinsassen. 1943 erkrankte er aber, so erzählt er, an Fleckfieber, erhielt einen längerem Genesungsurlaub kehrte erst im Winter 1943/1944 nach Auschwitz zurück.

          Max Eisen und Bill Glied sind nur Bilder ihrer Verwandten geblieben.

          Immer wieder schweift Gröning ab, wenn er erzählt. Durch den Saal geht ein Raunen, wenn er von dem „schönen schmiedeeisernen Tor“ spricht mit dem Spruch „Arbeit macht frei“. Oder darüber, wie euphorisch er nach dem ersten Kriegsjahr gewesen sei, nachdem sie die „Polacken verhauen“ hätten. Nüchtern berichtet er von der Logistik des Verbrechens. An der Rampe in Birkenau sei auf Ordnung geachtet worden. „Alles musste sehr penibel ablaufen, sehr sauber sein.“ Ein Zug nach dem anderen wurde „abgefertigt“. Denn „die Kapazität der Gaskammern und auch der Krematorien war ja begrenzt“.

          Mittags am dritten Verhandlungstag geht Bill Glied zur Zeugenbank. Es sei ein Omen für ihn, sagt Glied, dass dieser Prozess am 21. April 2015 begonnen habe. Auf den Tag genau 70 Jahre, nachdem sein Vater in Kaufering IV, einem Außenlager des KZ Dachau in Bayern, an Typhus gestorben war. Sein Vater war der Einzige, der ihm geblieben war. Am 28. Mai 1944 war die ganze Familie in Auschwitz angekommen, seine Mutter, die Tanten und die Geschwister wurden sofort nach der Ankunft in den Gaskammern ermordet. Glied und sein Vater waren zum Arbeitsdienst ausgewählt und in einen Rüstungsbetrieb bei Dachau zur Zwangsarbeit in ein Unternehmen gebracht worden. „Bei der Selektion an der Rampe in Auschwitz hat mein Vater meine Hand losgelassen. Ich habe ihn in diesem Moment dafür gehasst“, sagt Glied, „ich war 13 Jahre alt und wollte seine Hand halten. Aber heute weiß ich, dass er mir das Leben gerettet hat. Denn wer an der Hand der Eltern ging, war ein Kind – und wurde in die Gaskammern geschickt.“ Neun Tage nach dem Tod von Glieds Vater wurde das Lager Kaufering IV von amerikanischen Soldaten befreit.

          Eva Kor vergibt Oskar Gröning.

          Nachdem die Verhandlung beendet ist, geht Eva Kor, eine kleine, rüstige alte Dame, auf Oskar Gröning zu, der versunken auf seinem Stuhl sitzt. Eva Kor hatte am Vortag im Gerichtssaal ihre Geschichte erzählt, die Geschichte eines elf Jahre Mädchens, das in Auschwitz ihre Familie verlor und mit ihrer Zwillingsschwestern von Josef Mengele für medizinische Versuche missbraucht wurde. Sie überlebten, doch die Nieren ihrer Schwester blieben schwer geschädigt durch die Versuche, nach dem Tod der Schwester blieb ihr selbst nur der Schmerz. Dann, hatte sie in Richtung des Angeklagten gesagt, habe sie den einzig möglichen Weg gefunden, ihren Schmerz zu lindern: „Indem ich allen Menschen, die mir diesen Schmerz verursacht habe, vergebe.“

          Vor 20 Jahren schon hatte sie am 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz mit dieser öffentlichen Aussage Aufsehen erregt. Nun geht sie auf Gröning zu, bittet ihn, sitzen zu bleiben und nimmt seine Hand. Sie bittet ihn, zu jungen Neonazis zu sprechen, ihnen zu  sagen, dass Auschwitz existiert hat und das die Nazi-Ideologie keinen Gewinner hervorgebracht habe sondern nur Verlierer. Gröning sieht sie dankbar an, hält ihre Hand, und drückt sie an sich.

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