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Kardinal Reinhard Marx im Gespräch : „Gebt uns die Sterbenden“

  • Aktualisiert am

Kardinal Reinhard Marx, der Erzbischof von München und Freising Bild: Julia Zimmermann

Sterbehilfe, Kirchensteuer, Familiensynode – dem neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Reinhard Marx mangelt es nicht an gesellschaftlich strittigen Themen. Im Gespräch gibt er klare Antworten.

          7 Min.

          Der Bundestag wird in Kürze über eine Neuregelung der strafrechtlichen Regelungen der Sterbehilfe beraten. Die Spannweite der Vorschläge reicht von einem Verbot organisierter oder gewerblicher Sterbehilfe bis zu der Ermächtigung der Ärzteschaft, Todeswilligen entsprechende Medikamente zu verschaffen. Welche Chancen geben Sie diesen Vorhaben?

          Ein ausdrückliches Verbot aller Formen der organisierten Beihilfe zur Selbsttötung ist überfällig. Eine gesetzliche Erlaubnis des ärztlich assistierten Suizids ist keine Alternative. Selbst engumgrenzte Regelungen liefen im Ergebnis darauf hinaus, ein angeblich „menschenwürdiges Töten“ zu organisieren. Mir geht es um das menschenwürdige Sterben. Wenn diese Differenz verwischt wird, dann ist eine abschüssige Bahn betreten, auf der es kein Halten mehr gibt.

          Was soll das heißen: „menschenwürdiges Sterben“?

          Es muss alles getan werden, dass Sterbende möglichst schmerzfrei und möglichst in Beziehung, also nicht alleine, diesen letzten Weg gehen. Ich habe noch vor kurzem mit meinem Hausarzt, der auf einer Palliativstation und im Hospiz mitarbeitet, über den Wunsch nach Sterbehilfe gesprochen. Er macht wie viele andere die Erfahrung, dass fast alle Patienten im Sterbeprozess den Wunsch nach Tötung durch eigene oder fremde Hand aufgeben, sobald die Schmerztherapie wirkt und sie die wohlwollende Nähe anderer Personen erfahren.

          Die Mediziner und Medizinethiker, die für eine Legalisierung des ärztlich assistierten Suizids eintreten, gehen von den Fällen aus, in denen der Todeswunsch nicht verschwindet.

          Von einem Extremfall auszugehen und darauf ein ganzes Gesetz aufzubauen, halte ich für den falschen Weg. Wie viele andere treibt mich die Sorge um, dass im Fall selbst einer engumgrenzten Erlaubnis für Ärzte, beim Suizid zu assistieren, Menschen aus unterschiedlichen Gründen das Gefühl bekommen: Ich bin jetzt doch überflüssig, was soll ich noch hier? Und dass nach und nach ein gesellschaftlicher Druck entsteht, andere mit dem eigenen Ableben nicht zu behelligen. Es muss alles vermieden werden, was Ärzte, Angehörige oder todkranke Personen dazu verleiten könnte, zu denken, dass es sich bei der ärztlich unterstützten Selbsttötung um eine aus einem falsch verstandenen Autonomiebegriff zu rechtfertigende Handlung handeln könnte. Unser Oberbegriff muss bleiben: menschenwürdiges Sterben, nicht Wege zum menschenwürdigen Töten.

          Wer sind denn die „vielen anderen“, die Ihre Ansichten teilen?

          Frank Ulrich Montgomery etwa, der Präsident der Bundesärztekammer, vertritt von dem ärztlichen Ethos herkommend ebenfalls die Position, dass es nicht Aufgabe eines Arztes ist, wie in Holland oder Belgien auf Verlangen zu töten oder todbringende Mittel bereitzustellen. Auch viele Politiker sind dieser Ansicht. Nein, keine Lizenz zum Töten. Ich will nicht ausschließen, dass es Situationen gibt, in denen die ärztliche Kunst an ihre Grenzen stößt. Aber das vorwegzunehmen und gesetzlich zu regeln geht mir in eine ganz falsche Richtung.

          Wie wird sich der Bundestag entscheiden?

          Ich finde es gut, dass in Deutschland sehr sorgfältig über dieses Thema diskutiert wird, vielleicht so sorgfältig wie in keinem anderen Land. Am Ende der Debatte dürfen aber nicht neue Wege „menschenwürdigen Tötens“ stehen, sondern vermehrte Anstrengungen, menschenwürdiges Sterben zu ermöglichen.

          Wer soll diese Anstrengungen unternehmen? Was ist mit den Kirchen und ihrer in die Tausende gehenden Zahl von Krankenhäusern, Pflege- und anderen karitativen Einrichtungen?

          Natürlich ist das alles auch eine Aufgabe der Kirchen. Zusammen mit vielen anderen in unserer Gesellschaft müssen die Kirchen sagen: Gebt uns die Sterbenden, denn wir sind ganz besonders für die Leidenden und Sterbenden da. Wir kümmern uns. Wir tun alles, was in unserer Macht steht, dafür, dass Menschen nicht allein und mit Schmerzen sterben. Das ist unsere Botschaft. Und das sollte auch unser Angebot sein.

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