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Kardinal Reinhard Marx im Gespräch : „Gebt uns die Sterbenden“

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Ihr Vorgänger Zollitsch hatte im März angekündigt, dass die deutschen Bischöfe noch vor der Bischofssynode im Oktober ein Dokument zu diesem Thema veröffentlichen werden. Der Antwerpener Bischof Johan Bonny hat sich jetzt ein Herz gefasst. Hat die deutschen Bischöfe der Mut verlassen?

Nein! Ich will der Bischofssynode nicht vorgreifen. Als Vorsitzender habe ich von der Mehrheit der Bischöfe ein Votum bekommen, das ich dort vertreten werde.

Und dann?

Dann wird die Diskussion bis zur zweiten Synode im Herbst 2015 weitergehen. Wir werden auch sehen, wie Papst Franziskus sich in den Prozess der Synoden einbringt. Immerhin ist er es gewesen, der darauf gedrungen hat, zunächst einmal die Wirklichkeit in ihrer ganzen Breite wahrzunehmen. Der Papst möchte, dass zwischen der ersten und zweiten Synode eine Dynamik entsteht, dass offen und vorurteilsfrei gesprochen wird, so wie bei der Kardinalsversammlung zur Vorbereitung der Familiensynode im vergangenen März.

Werden Kardinäle und Bischöfe alles unter sich ausmachen?

Zur Synode sind auch erfahrene Laien eingeladen. Zudem wird es zwischen der ersten und zweiten Synode, also zwischen Oktober 2014 und 2015 auch im Volk Gottes Diskussionen und Debatten geben, bei denen wir genau hinhören. Vielleicht müssen wir auch in Deutschland dazu noch einiges in Gang bringen. Die Zeit ist vorbei, dass wir lehramtliche Texte verkünden, die in einer kleinen Expertengruppe vorbereitet wurden. Es muss stärker hingehört und hingeschaut werden. Ich glaube, dass dieser kommunikative Prozess in dem, was Verkündigung der Kirche angeht, ein größeres Gewicht bekommen muss.

Mit wem wollen Sie denn noch reden, wenn auch in diesem Jahr voraussichtlich wieder so viele Katholiken ihrer Kirche wegen der neuen Praxis der Einbehaltung der Kirchensteuer auf Kapitalerträge den Rücken kehren wie im Jahr 2010 unter dem Eindruck der Berichte über sexualisierte Gewalt und im Jahr 2013 wegen des Amts- und Machtmissbrauchs des Bischofs Tebartz-van Elst?

Zur jüngsten Kirchensteuerdebatte: Es wird keine neue Steuer erhoben, sondern es ist allein eine Frage der Gerechtigkeit, nicht nur die Steuer auf Arbeitseinkünfte, sondern auch auf Kapitalerträge einzubehalten. Alles andere wäre unsozial. Bei den Austritten selbst gibt es nichts schönzureden – aber auch nichts zu dramatisieren. Wir sollten nicht denken, dass wir von dem säkularen Trend hin zu einer auch religiös immer pluraleren Gesellschaft nicht erfasst würden, was auch immer die Anlässe für jeden Einzelnen sein mögen, um seine Kirchenbindung endgültig aufzugeben.

Aber könnte es nicht auch so sein, dass sich nicht nur immer mehr Katholiken ihrer Kirchen entfremden, sondern dass diese als Institution immer mehr Erwartungen nicht mehr erfüllen kann und zu einer Organisation unter vielen degeneriert, etwa aufgrund des Priestermangels?

Über Säkularisierung, Pluralisierung oder Individualisierung zu jammern nützt gar nichts. Es gibt nur einen Faktor, den wir selbst verändern können: Die Qualität unserer Arbeit in der Seelsorge und in der Caritas, die Kultur der Gottesdienste, das Klima an unseren Schulen, der Umgang mit Tod und Leid in unseren Krankenhäusern. Unsere Einrichtungen müssen nicht nur die kirchlichsten sein, sondern vor allem die besten. Aufgeben, weg damit, wir sind nur noch eine kleine Schar? Kirche im Nischendasein? Nicht mit mir.

Das sehen in der Deutschen Bischofskonferenz nicht alle so – was wohl auch in Ihrem bescheidenen Wahlergebnis im März zum Ausdruck kam ...

Ich bleibe dabei: Die Frage ist doch nicht, wie alles wieder so werden kann wie früher, sondern dass wir mit einem großen Herzen leben und arbeiten, damit Menschen kommen und sagen: Starke Truppe, da will ich dazugehören, da gehe ich mit.

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