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Im Interview: Andrea Nahles : „Ich simse besser als die Kanzlerin“

  • Aktualisiert am

„Lafontaine tut so, als ob wir volle Steuerungsgewalt in der Krise hätten” Bild: ddp

Ist die Finanzkrise frisches Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie? Zumindest habe die SPD jetzt ein paar Argumente mehr, warum ein starker Staat nötig sei, meint Andrea Nahles. Ein Interview über sparsame Kühlschränke, schwere Buckel, Selbstüberschätzung und den katholischen Glauben.

          5 Min.

          Die Finanzkrise erschüttert das Land. Wie haben Sie Ihr Geld angelegt, Frau Nahles?

          In mein Haus in der Eifel. Sonst habe ich nur noch einen Bausparvertrag - was die Anlageform angeht, bin ich konservativ. Ich klebe an der Scholle.

          Durch die Finanzkrise müssen Sie sich doch bestätigt fühlen mit Ihrer Kritik am freien Markt. Frohlocken Sie innerlich?

          Im Gegenteil. Ich mache mir Sorgen. Aber ich sehe auch: Der Kapitalismus frisst seine Kinder. Und er braucht Spielregeln. Ich begrüße den Rettungsplan von Finanzminister Steinbrück und die vorgeschlagenen neuen Regulierungen. Wir sollten aber die deutsche Wirtschaft kurzfristig auch stabilisieren. Die Deutschen sollten mehr Geld in die Hand bekommen - nicht, um es auf die hohe Kante zu legen, sondern um die Wirtschaft anzukurbeln. Wir brauchen eine intelligente Investitionslenkung der Privathaushalte.

          Lenkung? Was schlagen Sie vor?

          Ich denke an Klimaschecks. Solche Schecks könnte jeder bekommen, der ein Auto kauft, das weniger als sechs Liter Sprit verbraucht. Oder einen sparsamen Kühlschrank. Der deutschen Wirtschaft würde das kurzfristig helfen. Und es würde die Deutschen motivieren, nicht ängstlich zu reagieren und dadurch die Krise noch zu verschärfen.

          Klingt nach einem Konjunkturprogramm aus der sozialdemokratischen Mottenkiste. Wie viel soll das den Staat kosten?

          Sie irren: Wir legen hier keine alten Schallplatten auf. Diese Initiative sollte nämlich zeitlich begrenzt sein und schnell wirken. Es ist kein plumpes Konjunkturprogramm, sondern nur eine Finanzspritze, die Anreize schafft. Natürlich hätte die Idee keinen Effekt, wenn man dafür nur ein paar hundert Millionen Euro in die Hand nimmt.

          Wir sehen: Die Finanzkrise ist frisches Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie.

          Zum gegenwärtigen Zeitpunkt lässt sich das noch nicht sagen. Sicher ist, dass wir eine Renaissance von Politik erleben. Vielleicht auch eine Renaissance von sozialer, regulierter Marktwirtschaft. Wir haben jetzt ein paar Argumente mehr, warum ein starker Staat nötig ist. Es ist soziale Demokratie, die wir im Weltmaßstab brauchen. Das ist eine Chance für die SPD.

          Einst hat Sie Oskar Lafontaine als Gottesgeschenk für die SPD bezeichnet. Können er und seine Linkspartei die Sehnsucht vieler Menschen nach Sicherheit nicht viel besser bedienen als Sie und Ihre Leute?

          Der deutsche Sparer mag die geißelnden Worte Lafontaines zwar gut finden, aber wenn er überlegt: Wem vertraue ich mein Sparbuch an, Peer Steinbrück oder Oskar Lafontaine? Dann entscheidet er sich doch für Steinbrück! Der Wortradikalismus der Linkspartei reicht in einer Krise wie der jetzigen nicht. Lafontaine tut so, als ob wir die volle nationale Steuerungsgewalt hätten, um die Krise zu bewältigen - aber Deutschland ist keine Insel!

          In Hessen will die SPD mit der Linkspartei zusammenarbeiten . . .

          . . . zum Glück geht's da weder um die Finanzkrise noch um die Außenpolitik.

          Hessen ist aber ein wichtiges Finanzzentrum in Deutschland. Ist es nicht gefährlich, gemeinsame Sache mit Leuten zu machen, denen man sein Sparbuch nicht anvertraut?

          Das entscheidet die hessische SPD. Die klärt jetzt, wie zuverlässig die Linkspartei eine Tolerierung mitträgt. Eine Zusammenarbeit ist sicher nicht leicht, aber ich halte sie für vertretbar. Hessen braucht wieder eine handlungsfähige Regierung.

          Alle sagen, Sie seien die stärkste Frau in der SPD. Dabei ist Ihr Favorit Kurt Beck gescheitert. Warum konnten Sie ihn nicht halten?

          Moment mal. Kurt Beck hing nie von mir ab. Ich hätte mir gewünscht, dass wir mit Frank-Walter Steinmeier und Kurt Beck ein gutes Team gebildet hätten. Es ist jetzt ein anderes Team geworden.

          Sie wollten Kurt Beck noch im Juni als Kanzlerkandidaten.

          Das würde ich nie zurücknehmen. Aber die Entscheidung ist gefallen.

          Vorsitzender gestürzt, neuer her - alles vergessen?

          Ich bin die Letzte, die bagatellisiert, was da passiert ist. Aber ich will nicht denen den Buckel schwer machen, die nun die Verantwortung tragen.

          Bis vor kurzem galten Sie noch als so mächtig, dass die Kanzlerin gleich bei Ihnen anrufen wollte.

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