https://www.faz.net/-gpf-16fm1

Im Gespräch: Roland Koch : „Ich bringe eine politische Debatte auf Ja-nein-Fragen“

  • Aktualisiert am

Roland Koch blickt zurück Bild: Marcus Kaufhold

Roland Kochs Rückzug aus der Politik kam für viele überraschend, viel wurde hineingeheimnisst. Er hört aber nicht aus Überdruss auf, sondern aus Vernunft. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung blickt der hessische Ministerpräsident zurück auf seine Erfolge und Misserfolge.

          7 Min.

          Herr Ministerpräsident, Sie haben am Freitag zum letzten Mal den Hessentag eröffnet. Das war's. Sind Sie froh?

          Ich mag den Hessentag, das ist eines der vielen schönen Dinge zum Abschluss.

          Haben Sie die ganzen Trachtengruppen nicht satt?

          Nein. Ich freue mich, dass ich ihn zwölf Mal eröffnen durfte. Es ist ein schönes Ereignis. Ich bin in diesen zehn Tagen praktisch ununterbrochen in Stadtallendorf unterwegs. Und ich freue mich auch auf den Festzug am Schlusstag.

          Roland Koch auf dem Hesentag: Er hat die Trachtengruppen nicht satt
          Roland Koch auf dem Hesentag: Er hat die Trachtengruppen nicht satt : Bild: ddp

          Als Sie Ihren Rücktritt kundtaten, sagten Sie, dass es Tage geben wird, an denen Sie das bereuen werden.

          Die Faszination des Berufes ist die Spannung zwischen öffentlicher Aktivität mit vielen Menschen und der Arbeit in einer großen Administration. Und neben alldem im Land nationale politische Verantwortung zu haben, das bietet kein anderes politisches Amt in Deutschland - nur das Ministerpräsidentenamt. Dass es Tage geben wird, an denen ich dem auch mal nachtrauern werde, da bin ich mir absolut sicher. Ich habe meinen Entschluss ja nicht aus Überdruss getroffen. Es ist eine Entscheidung der Vernunft.

          Sie wollen für ein paar Monate zurück ins normale Leben. Niemand mehr, der Ihnen die Tür des Dienstwagens aufreißt. Schaffen Sie das noch selbst?

          Regierungssprecher Dirk Metz: Sonst kommt er ja nicht in den Wagen rein.

          Koch: Der Mensch darf nicht mit dem Amt verwachsen. Da muss man vorher aufhören. Wobei Statussymbole wie Autos lächerlich sind. Für mich war das elf Jahre ein rollender Arbeitsplatz. Die ununterbrochene Präsenz, das Leben mit dem Gefühl, jede Sekunde kann ein Anruf kommen, der verantwortliche Entscheidungen fordert - das verändert auf Dauer. Da kommt man nicht von einer Minute auf die andere wieder raus.

          Wenn Sie auf einem anderen wichtigen Posten sitzen, kann das Telefon auch ständig klingeln.

          Ich will weiterhin eingespannt und engagiert bleiben. Für alles andere bin ich noch viel zu jung. Doch in der Politik kann bei einem Telefonanruf ein unkontrolliertes Flugzeug im Luftraum sein oder eine andere Katastrophe passieren. Eine politische Krise, die sofortige Reaktionen und Entscheidungen erfordert. Das begegnet einem in der Wirtschaft nicht in dieser Vielfalt. Man kann sich besser auf einen bestimmten Bereich konzentrieren.

          Das hört sich an, als wollten Sie sich einen ruhigeren Job suchen.

          Einen ruhigeren nicht, aber einen anderen. Auch was die emotionale Belastung angeht.

          Politiker sind Prominente. Sie können nicht mehr anonym durch die Straßen gehen. Sie werden überall im Land erkannt. Man spricht Sie an, will was von Ihnen. Was macht diese Erfahrung mit einem?

          Es schränkt den eigenen Freiheitsraum massiv ein. Wenn ich in eine Buchhandlung gehe und mir Bücher anschaue, was bei jedem normalen Bürger eine private Tätigkeit ist, muss ich damit rechnen, dass es die Menschen neben mir interessiert, welche Bücher ich angeguckt habe. Und dass es heute sogar noch Sekunden später via Twitter verbreitet wird. Das hat Folgen für die Spontaneität. Aber ich empfinde es nicht als lästig, dass die Leute mich kennen. Das ist ein Teil der Leistung eines Politikers, daran arbeitet man viele Jahre. Wen man nicht kennt, kann man nicht wählen. Also muss man bestimmte Dinge in Kauf nehmen.

          Wie geht es Ihnen denn, wenn das Telefon mal ein paar Stunden nicht klingelt?

          Das genieße ich. Ich weiß aber natürlich nicht, wie das ist, wenn es über Tage andauert.

          Und was ist mit dem Zustrom schmeichelnder Signale, die sagen: "Sie sind wichtig, Sie sind gefragt, Sie sind bedeutend, Ihre Meinung zählt"? Manchen Politikern wird das zur Sucht.

          Ich habe nie Politik gemacht wegen öffentlicher Anerkennung oder weil ich ständig in der Zeitung stehen will. Öffentliche Wahrnehmung ist für mich ein Instrument, kein Opfer. Auf die Gestaltungsmöglichkeit zu verzichten, das empfinde ich dagegen als Verlust.

          Mit dem Bedeutungsverlust kommen Sie klar?

          Ohne Probleme.

          War die Pressekonferenz am vergangenen Dienstag eine Bewerbungsrede?

          Weitere Themen

          Warum diese Typen so sind

          Neue Storys von Emma Cline : Warum diese Typen so sind

          Die Manson-Sekte lieferte Emma Cline den Stoff für ihr Romandebüt „The Girls“. In ihrem neuen Buch „Daddy“ geht es wieder um privilegierte Männer mit toxischen Manieren. Ein Gespräch über MeToo, den Klimawandel und die Sehnsucht nach Familienidylle.

          Laschet zu Gast in Polen Video-Seite öffnen

          Gedenkfeier und mehr : Laschet zu Gast in Polen

          NRW-Ministerpräsident und Kanzlerkandidat der Union Armin Laschet war am Wochenende in Polen zu Gast, um sich für die Hilfe während der Fluten zu bedanken und um des Warschauer Aufstandes zu gedenken.

          Topmeldungen

          Markus Söder und sein Vize Hubert Aiwanger nach einer Kabinettssitzung im Münchner Hofgarten.

          Streit um Impfungen : Aiwanger wirft Söder Falschbehauptung vor

          Nach der letzten Kabinettssitzung vor der Sommerpause hatten sie noch versucht, Einigkeit zu demonstrieren. Doch der Streit zwischen dem bayrischen Ministerpräsidenten und seinem Vize ist nicht vorbei – im Gegenteil.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.