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Im Gespräch: Linken-Abgeordnete Caren Lay : „Wir wären dumm, auf Bartsch zu verzichten“

  • Aktualisiert am

Steht zu Gregor Gysi, „ohne Wenn und Aber”: Caren Lay Bild: Deutscher Bundestag

Caren Lay ist Bundestagsabgeordnete der Linken und Mitglied des Parteivorstandes. Im Interview mit Oliver Georgi spricht sie über das Chaos in ihrer Partei, die Zukunft von Oskar Lafontaine und die große Enttäuschung über Gregor Gysi.

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          Caren Lay ist Bundestagsabgeordnete der Linkspartei und Mitglied des Parteivorstandes. Im Interview mit Oliver Georgi spricht sie über das Chaos in ihrer Partei, die Zukunft von Oskar Lafontaine und ihre große Enttäuschung über Gregor Gysi.

          Frau Lay, wie ist die Stimmung in Ihrer Partei?
          Natürlich war die Stimmung in der Partei schon besser. Der Jahresauftakt ist sicherlich misslungen.

          Das ist liebevoll formuliert; die letzten Tage und Wochen hätten gar nicht schlechter laufen können: Lafontaine erkrankt und seine Zukunft ungewiss, dazu der offene Machtkampf zwischen ihm und Dietmar Bartsch, zuletzt der Dolchstoß von Gregor Gysi. Der Keil zwischen Lafontaine, Gysi und Bartsch geht auch quer durch die Partei - stimmt der Eindruck?
          Wie gesagt, die Stimmung war schon besser. Manchen scheinen innerparteiliche Auseinandersetzungen wichtiger zu sein als die Auseinandersetzung mit Schwarz-Gelb, unserem eigentlichen politischen Gegner. Aber dafür trägt sicher nicht Dietmar Bartsch die Verantwortung.

          Eher schon Gregor Gysi, der Bartsch - zum Entsetzen vieler in der Ost-Partei - das Vertrauen entzogen hat, obwohl er ihn gleichzeitig weiter als „Freund“ bezeichnet. Geht man so mit „Freunden“ um?
          Mein Freundschaftsbegriff ist ein anderer.

          Da waren sie noch Freunde: Dietmar Bartsch im vergangenen August mit einem Wahlplakat von Gregor Gysi

          Hat Gysi die Ost-Partei verraten, als er sich so eindeutig hinter Lafontaine und gegen Bartsch stellte? Viele sagen, er habe Bartsch auf Lafontaines Geheiß hin regelrecht „gemeuchelt“...
          Das kann ich nicht beurteilen. Klar ist: In den Ost-Landesverbänden und bei vielen Genossinnen und Genossen im Osten wie im Westen gibt es nur wenig Verständnis für die Vorgänge am letzten Montag.

          Ist Gregor Gysi nach diesem „Vertrauensbruch“ noch der richtige Mann in der Parteispitze?
          Bei aller Kritik, die in den letzten Tagen geäußert wurde: Gregor Gysi gehört an die Spitze der Bundestagsfraktion - ohne Wenn und Aber.

          Trotzdem sagen viele, dieser „Freundschaftsdienst“ für Lafontaine sei womöglich Gysis größter Fehler gewesen. Hat er sich damit selbst die Machtbasis entzogen?
          Wir müssen sicher alle gemeinsam daran arbeiten, wieder zu einem vertrauensvollen Miteinander zu kommen.

          Ist der Kampf Lafontaine gegen Bartsch jenseits alles Persönlichen nicht zugleich der lange erwartete offene Ausbruch des Kampfs zwischen West und Ost um die künftige Gestalt der Partei? Bodo Ramelow zum Beispiel hat ja überraschend seinen Rückzug aus der Parteispitze bekanntgegeben - angeblich ohne Zusammenhang mit der Causa Bartsch...
          Mit Ost und West hat das nur wenig zu tun. Im Übrigen glaube ich, dass Bartsch und Lafontaine mehr Überschneidungen haben als manche denken. Nehmen wir zum Beispiel die Frage der Regierungsbeteiligung. Diese wird ja nicht nur von Bartsch befürwortet, und Oskar Lafontaine war lange Ministerpräsident und Bundesfinanzminister. Unterschiede gibt es sicherlich in der Strategie. Deshalb müssen wir auch weg kommen von einer personellen Auseinandersetzung und endlich über Programme reden. Darüber, was wir mit dieser Partei eigentlich für die Menschen erreichen wollen.

          Der Keil in der Partei sitzt tief, und die programmatische Spreizung zwischen WASG und Gewerkschaftern im Westen und alten PDSlern und K-Gruppen im Osten ist riesig. Droht eine Spaltung der Linken, nach dem Motto: Jetzt bricht auseinander, was nie zusammen gehörte?
          Einspruch: Es gehört zusammen. Die Zersplitterung in kleine Zirkel, die sich gegenseitig bekämpfen statt Wirkung in der Gesellschaft zu entfalten, ist ja gerade die Tragik der Linken. Deshalb muss es uns gelingen, die Gemeinsamkeiten zwischen den unterschiedlichen Milieus in Ost und West, zwischen Facharbeitermilieu, Prekariat, Alternativszene und kritischem linken Bürgertum zu erarbeiten. Ich kann nur hoffen, dass alle wissen, was auf dem Spiel steht. Doch bei allem Streit, den wir auch vorher schon hatten: Wenn es darauf ankam, hat die Linke immer gemeinsam gekämpft - und historische Ergebnisse erzielt.

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