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Im Gespräch: Kurt Beck : „Gott, hättst de doch des Maul gehalten“

  • Aktualisiert am

Nimmt kein Blatt vor den Mund: Kurt Beck Bild: Cornelia Sick

Nach 18 Jahren im Amt ist er im Januar zurückgetreten, jetzt spricht der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck über Dummheit und Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, Waschlappen und Clowns.

          Herr Beck, früher hieß es, Sozialdemokrat sei man von der Wiege bis zur Bahre. Trifft das auch auf Sie zu?

          Zumindest reicht meine politische Prägung bis in die Kindheit zurück. Ich wurde damals sehr ausgegrenzt. Das lag an einer starken Neurodermitis, die wohl mit der Geburtssituation zusammenhing, Kaiserschnitt. Währenddessen ist das Licht ausgefallen. Dann haben die mit Gaslichtern zu Ende operiert. Meine Mutter hatte eine lebensbedrohliche Infektion, und ich bekam Ausschlag am ganzen Körper, überall da, wo Schweißdrüsen sind. Auch im Gesicht, teilweise ganz extrem.

          Wie äußerte sich die Ausgrenzung?

          Ich bin zum Beispiel nicht Messdiener geworden, als einziger Junge im ganzen Dorf, weil die anderen Eltern sich beschwert haben, ich könnte ihre Kinder anstecken. Das war nicht ansteckend, aber das änderte nichts. Da war noch ein Junge in meiner Klasse, der hatte eine Hasenscharte, dem ging es ähnlich, aber nicht so extrem.

          Sie waren mit ihm befreundet?

          So einfach war das nicht. Es gibt bei Kindern ja dann noch einmal eine Abstufung der Ausgegrenztheit. Wenn jemand noch mitmachen darf, dann will er ja bei denen sein, die akzeptiert sind. Das ist so. Aber ich habe gerade mit ihm telefoniert, er hatte Geburtstag. Er ist jetzt auch pensioniert, war selbständiger Metzgermeister.

          Wieso hat Sie die Ausgrenzung politisch geprägt?

          Daraus kann man nur zwei Lehren ziehen: Entweder man wird Außenseiter, oder man entwickelt ein Empfinden für Ungerechtigkeit. Bei mir war wohl Letzteres der Fall.

          Was meinen Sie damit?

          Es gab da zum Beispiel zwei mongoloide Kinder im Ort. Der Junge, der vielleicht drei bis vier Jahre älter war als ich, ist ganz früh gestorben. Der ist im Dorf rumgetapst, war nie in der Schule und ist von den Kindern verhänselt worden. Das Mädchen haben wir vielleicht fünfmal gesehen, weil die in dem Bauernhof eingesperrt war. Nur wenn das Fuhrwerk rein- und rausgefahren ist, hat sie manchmal hinterm Hoftor vorgeguckt. Alles hundert Prozent katholisch, alles sehr engagierte Leute, aber es hat sich um diese Kinder niemand gekümmert. Das hat mich gestört.

          Dabei lehrt die Kirche doch, dass jeder ein Kind Gottes sei.

          Die Eltern haben das als eine Strafe Gottes betrachtet.

          Haben Ihre eigenen Eltern nicht versucht, Sie zu verteidigen?

          Das wäre unvorstellbar gewesen. Dafür war die Obrigkeitshörigkeit viel zu stark. Es gab einen Pfarrer, der dann später mal, als die anderen schon zwei Jahre Messdiener waren, versucht hat, mich dazuzuholen. Die anderen Eltern haben aber wieder protestiert. Bei den großen Gottesdiensten waren also alle Klassenkameraden vorne um den Altar, während ich allein in einer Bank saß.

          In die Christliche Arbeiterjugend sind Sie später, mit 13, trotzdem gegangen.

          Das war eher Zufall: Mein Nachcousin hatte die Gruppe gegründet, und dann habe ich da auch mitgemacht. Aber es hat mich zunehmend gestört. Bei uns im Dorf war ja alles schwarz. In der Jugendgruppe sind dann Lieder gesungen worden wie: „Schwarz ist meine Lieblingsfarbe, es kann nicht anders sein, denn in meiner Firma nennt mich jeder schwarzer Hein.“ Ich habe das nicht reflektiert, aber irgendwie war mir das zu viel Indoktrination, ohne dass ich das Wort damals gekannt habe. Mein Gefühl war: Die ganze Zeit habt ihr mich nicht gewollt - und jetzt soll ich mit euch Wölfen heulen? Nein. Ich bin dann erst mal in die Gewerkschaftsjugend.

          Und haben Häuser besetzt.

          Na ja, wir haben eben erst mal richtig die Gewerkschaften aufgemischt, nicht immer klug, aber renitent. In Landau gab es das ehemalige Hotel Schwan, das haben wir als Jugendzentrum in Selbstverwaltung eingerichtet. Hat auch ein Jahr funktioniert. Dann haben wir angefangen zu spinnen, alle miteinander. An einem Sonntagnachmittag gab es ewige Diskussionen, und dann wurde abgestimmt: Wollt ihr einen sauberen oder einen politischen Schwan? Also die Alternative war: entweder macht einer sauber, oder wir diskutieren und scheiß auf den Dreck - Entschuldigung. Und natürlich haben wir dafür gestimmt, dass wir einen politischen Schwan wollen! Dann ließ die Stadt das Haus schließen.

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