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Im Gespräch: Klaus von Dohnanyi : „Es ist eine Welt des Kommerzes - finito“

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„Die SPD muss sich weiter häuten”: Klaus von Dohnanyi Bild: dapd

Hat sich die SPD in der Bewertung von Sarrazins Thesen geirrt? „Und zwar gewaltig“, sagt Klaus von Dohnanyi im F.A.S.-Interview. „Ein grober politischer Fehler.“ Ein Gespräch über alte Zöpfe in der SPD und die Schlafgewohnheiten von Angela Merkel.

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          Was soll eine Regierung tun, die einem Land wie Griechenland helfen will, die aber immer wieder bestätigt bekommt, dass die meisten Bürger solche Hilfen sehr skeptisch sehen, Herr von Dohnanyi?

          Ich finde, dass die Bundesregierung richtig handelt. Sie gewährt diese Hilfe, macht den Bürgern aber gleichzeitig klar, dass das Geld nicht in ein Fass ohne Boden fließt, sondern dass man dem unterstützten Staat harte Reformen abverlangt. Der Fall Griechenland zeigt, dass man so etwas erklären kann. Auch die Griechen scheinen zu verstehen, dass das der einzige Weg für sie ist.

          Nehmen wir ein anderes Beispiel: Hätte die Regierung in der Atompolitik nicht anders handeln, auf Kurs bleiben können?

          Die Union war doch schon längst auf dem Kurs, aus der Atomstromerzeugung auszusteigen. Sie wollte das nur später tun. Nach dem Unglück von Fukushima musste sie ihren Zeitplan ändern. Auch die Grünen haben ihren Zeitplan geändert und mussten ihren Wunsch nach schnellem, am liebsten sofortigem Ausstieg an die Wirklichkeit anpassen. Insofern ist es völliger Unsinn zu behaupten, die Union sei umgekippt, die Grünen hätten aber Kurs gehalten.

          Klaus von Dohnanyi, im Novemver 1983

          Ist die Bereitschaft der Politik, gegen eine tatsächliche oder doch empfundene Stimmung in der Bevölkerung zu regieren, über die Jahrzehnte, die Sie Politik machen, geringer geworden?

          Das glaube ich nicht. Ich habe zeit meines politischen Lebens den Grundsatz beherzigt, wer als Politiker nicht fallen kann, der kann auch nicht stehen.

          Der Letzte, der in Ihrer Partei, der SPD, nach diesem Motto gehandelt hat, war Bundeskanzler Schröder mit seiner Agenda 2010. Das hat ihn und die Partei die Macht gekostet. Und es hat seither nicht sehr viele Menschen motiviert, die SPD zu wählen. Warum sollte man das heute dennoch tun?

          Ich tue das, weil ich schon so lange Mitglied bin. Aber das ist nur ein persönlicher Grund. Die SPD hat sehr grundsätzliche Probleme. Sie hatte ihre Geburtsstunde in einer Klassengesellschaft des 19. Jahrhunderts, in der sie dafür kämpfte, die Interessen der unteren Schichten, der kleinen Leute, zu verteidigen. Sie glaubt, das noch heute vordringlich tun zu müssen, obwohl wir längst in einer anderen Zeit leben. Heute geht es in erster Linie um wettbewerbsfähige Arbeitsplätze!

          Die SPD hat sich nicht angepasst?

          Nicht genug. Die SPD muss sich weiter häuten.

          Was ginge dabei von ihrem Kern verloren?

          Gar nichts. Sie hat zu Beginn für die Chancen und Rechte von Menschen gekämpft, die als kleine Arbeiter und Angestellte von vielen Unternehmern ausgebeutet wurden. Heute sind nicht mehr die „bösen“ Unternehmer schuld daran, es sind die Kostenunterschiede zwischen uns und den aufsteigenden Ländern sowie die Tatsache, dass viele Menschen weniger Chancen und Entfaltungsmöglichkeiten als andere haben. In dieser zunehmend komplexen und komplizierten Arbeitswelt finden sich eine Menge Menschen nicht mehr zurecht, weil ihnen Bildung oder Ausbildung fehlen. Da muss mehr geschehen. Wir lassen zu viele fähige Kinder zurück. Und wo die Begabung eben überhaupt nicht ausreicht, dort müssen wir auch verkürzter Ausbildung und einfacher Berufsfähigkeit den Weg öffnen.

          Die CDU handelt schon.

          Stimmt, da setzt auch Frau von der Leyen an, indem sie den Kindern aus sogenannten bildungsfernen Schichten durch ein Bildungspaket helfen will.

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