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Im Gespräch: Klaus Beier über Kinderpornographie : „Ein großer unethischer Menschenversuch“

  • Aktualisiert am

Klaus Beier will Betroffene dort erreichen, wo sie nach Missbrauchsbildern suchen Bild: Matthias Lüdecke / FAZ

Das Institut für Sexualmedizin der Berliner Charité unter der Leitung von Professor Klaus Beier bietet vorbeugende Therapien für pädophile Männer an. Auch Nutzer von Missbrauchsabbildungen im Internet sind angesprochen.

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          Herr Professor Beier, was weiß die Forschung über Menschen, die Kinder missbrauchen?

          Es gibt zwei Gruppen: Etwa die Hälfte der Täter hat eine pädophile Neigung, also eine sexuelle Ansprechbarkeit auf den kindlichen Körper. Die anderen sind sexuell eigentlich auf Erwachsene ausgerichtet, aber aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage, sich mit altersentsprechenden Partnern zu verwirklichen. Sie weichen auf Kinder aus.

          Wie viele Pädophile gibt es denn?

          Eine eigene Studie hat uns gezeigt, dass etwa ein Prozent aller Männer den kindlichen Körper erregend finden. In Deutschland wären das etwa 250.000 Betroffene. Es entspricht etwa der Häufigkeit der Parkinson-Krankheit.

          Ist Pädophilie heilbar?

          Nein, und hierin sind sich die Experten einig. Gleichwohl gibt es leider immer wieder Stimmen, die das Gegenteil behaupten. Tatsächlich bildet sich die sexuelle Präferenzstruktur im Jugendalter aus und ist danach unveränderbar. Für seine Neigungen kann man niemanden verantwortlich machen, wohl aber für sein Verhalten. Deshalb setzen wir in unserem Projekt bei der Verhaltenskontrolle an. Wir verringern Realitätsverzerrungen, fördern das Vermögen, sich in Opfer einzufühlen und beziehen Partner oder Angehörige ein. Auch Medikamente können sehr hilfreich sein, um sexuelle Impulse zu unterdrücken.

          Im vergangenen Jahr haben Sie Ihr Projekt auf die Nutzung von Missbrauchsbildern im Internet ausgeweitet.

          Uns wurde schnell klar, dass die meisten Männer, die zu uns kommen, schon lange Fotos aus dem Netz nutzen. Solche Bilder sind eine unbegrenzte Demütigung der Opfer. Sie stehen zudem im Verdacht, die Hemmschwelle der Nutzer für konkreten Missbrauch zu senken. Im Netz fehlt jede soziale Kontrolle.

          Wie rechtfertigen sich die Betroffenen?

          Selbst hochintelligente Männer haben teilweise ein erschreckend geringes Problembewusstsein. Da sind eine ganze Reihe kognitiver Verzerrungen im Spiel. Sie sagen zum Beispiel, die Bilder sind doch schon gemacht, und wenn ich mir die jetzt anschaue, wo ist dann das Problem? Auf einer rationalen Ebene können wir sie meist davon überzeugen, dass schon die Nachfrage das Angebot erhöht, also weiteren Missbrauch nach sich zieht. Aber viel mächtiger ist das Wunschdenken. So lautet ein anderer Selbstbetrug: Dass die Kinder auf den Bildern leiden, kann ich nicht erkennen, die wirken sehr interessiert und freuen sich doch auch. Weil die Betroffenen nämlich – zur Selbstentlastung – möchten, dass die Kinder das selber wollen, glauben sie tatsächlich, es gäbe sieben oder acht Jahre alte Mädchen, die sich mit einem Erwachsenen „sexuelle Erfahrungen“ bis hin zum Geschlechtsverkehr wünschen. Manche Betroffene haben sich das 20 Jahre lang selbst eingeredet. Es ist schwer, diese Wahrnehmungsverzerrungen zu korrigieren.

          Wie gehen Sie vor?

          Wir gehen gemeinsam mit den Betroffenen die von ihnen genutzten Bilder durch, weil diese präzise deren sexuelle Präferenzen zu erkennen geben. Da bekommen Sie einen Einblick in das Programm des Menschen, in sein Gehirn. Das ist wichtig für Diagnose und Therapie. Es ist die Voraussetzung, um gezielt einem Rückfall vorzubeugen. Solche Bilder müssten viel öfter genutzt werden. Richter schauen sich aber die beschlagnahmten Dateien auf dem Rechner eines überführten Täters nicht genauer an. Hier werden Chancen vertan.

          Der Staat straft, ohne zu helfen?

          Schon Täter, die wegen sexuellem Kindesmissbrauch vor Gericht stehen, werden nur selten von Sachverständigen begutachtet. Bei Tätern aber, die sich wegen des Konsums von Kinderpornographie verantworten müssen, ist das die absolute Ausnahme, obschon ein Gutachter durch die Bilder – also das Beweismaterial – eine sehr günstige Ausgangslage für Aussagen über Prognose und Therapie hätte.

          Die Koalition erwägt, die Begutachtung von Tätern in der Hauptverhandlung zur Pflicht zu machen.

          Das wäre gut so, doch ehrlicherweise muss man einräumen, dass es nicht genügend Gutachter mit sexualmedizinischer Qualifizierung Erfahrung gäbe, um das umzusetzen.

          Union und FDP überlegen, den Besitz von Kinderpornographie stärker zu sanktionieren. Haft statt Geldstrafen?

          Über Geldstrafen lachen viele Täter bloß. Hinzu kommt, dass eine zügige Umsetzung des Strafrechts ebenfalls die Ausnahme darstellt.

          Wie machen Sie auf Ihr Projekt aufmerksam?

          Wir wollen die Betroffenen dort erreichen, wo sie nach Missbrauchsbildern suchen, also im Internet. Wenn sie beispielsweise in Suchmaschinen szenetypische Begriffe eingeben, wäre es wünschenswert, dass ein Hinweis auf unser Präventionsprojekt erscheint.

          Wo hakt es?

          Wir haben Banner in allen Formaten herstellen lassen, doch die Suchmaschinenbetreiber unterstützen uns nicht.

          Aber die Internet-Branche beteuert doch immer, man unterstütze den Kampf gegen Kindesmissbrauch.

          Das hat man mir bei Google auch gesagt. Unser Projekt sei sehr interessant, man prüfe das und brauche nur noch die Zustimmung aus Amerika. Das war im vergangenen Sommer. Seitdem haben wir nie wieder etwas gehört.

          Verschärft das Internet das Problem der Pädophilie?

          Ja, und zwar in mehrfacher Hinsicht: Missbrauchsabbildungen sind immer einfacher zu erreichen, senken die kritische Selbstwahrnehmung der Nutzer und damit vermutlich auch die Schwelle zur direkten Tat. Studien zeigen, dass Jugendliche schon sehr früh Erstkontakt mit Pornographie im Netz haben. Wenn sich die Präferenzstruktur in der frühen Jugend manifestiert, hinterlassen solche Bilder Spuren. In der klinischen Arbeit berichten uns schon Zwölf- bis Dreizehnjährige, dass in ihren Masturbationsphantasien Bilder auftauchen, die sie zuvor im Internet gesehen haben. Das ist ein großer unethischer Menschenversuch, und mir ist völlig rätselhaft, warum der so ungehindert ablaufen kann.

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