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Im Gespräch: Katja Kipping und Bernd Riexinger : „Wir sind linkspluralistisch, nicht eine linke Kaderpartei“

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Wie wird der Aufstieg der Piratenpartei Ihre Ausrichtung beeinflussen? Sie schafften es kaum noch, Protestwähler anzusprechen.

Kipping: Viele der Forderungen sind sehr sympathisch, etwa die nach dem Gratis-Bahnverkehr. Ich muss aber ganz klar sagen, wenn man das umsetzen möchte, darf man die Umverteilungs - und Steuerfrage nicht scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Natürlich werden wir die Diskussion mit den Piraten führen. Aber wir werden auch kritisch nachfragen. Was sie als bedingungsloses Grundeinkommen bezeichnen, nenne ich „Hartz V“.

Frau Kipping, Sie haben Ihrer Partei mal einen Schuss Linkspopulismus empfohlen. Tun Sie das noch?

Kipping: Das war nach den verlorenen Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, und es ging um eine Doppelstrategie. Linkspopulismus als zugespitzte Ansprache gegen „die da oben“ verstanden, denn wenn wir die Menschen nicht mehr ansprechen können, werden viele zu Nichtwählern. Und es geht mir auch um das Ansprechen eines linksalternativen Milieus. Beim Thema prekäre Arbeit etwa sollten wir sowohl die Kreativarbeiter ansprechen als auch Menschen, die als Leiharbeiter oder im Niedriglohnsektor am Fließband arbeiten.

Haben Sie nicht Sorge, dass Links- und Rechtspopulismus bei der Euro- und Schuldenkrise ganz ähnlich werden?

Riexinger: Es gibt so etwas wie einen gesunden Alltagsverstand. Die einfachen Leute sehen, dass sie bezahlen sollen und die Besitzer großer Vermögen nicht. Die Linke will die soziale Polarisierung aufheben, und die wird bei Rechtsradikalen nie angesprochen. In der Europafrage muss die Linke deutlich machen, dass sie eine demokratische Erneuerungsbewegung ist.

Kipping: Ich würde sogar sagen, dass unser Krisenlösungsansatz dem rassistischen entgegensteht. Wir behaupten eben nicht, die Griechen hätten über ihre Verhältnisse gelebt. Die politischen und ökonomischen Gründe sind andere. Wir weisen deshalb auf die drei „U“ hin: unregulierte Finanzmärkte, Ungleichgewicht im Außenhandel, ungerechte Verteilung der Vermögen.

Herr Riexinger, im Westen hieß es, in Talkshows müsse Bartsch erst vorgestellt werden. Wie wichtig ist Bekanntheit für die Autorität eines Vorsitzenden?

Riexinger: Mein Bekanntheitsgrad hat sich in der vergangenen Woche stark erhöht. Ich bringe einen vierzigjährigen Erfahrungsschatz mit: Vertrautheit mit den Lebensverhältnissen der Krankenschwester, des Müllwerkers, des Gebäudeverwalters. Ich bin kein Berufspolitiker, und das kann durchaus ein Vorteil sein.

Zu Ihren ersten Terminen gehört das Gespräch mit den Ost-Vorsitzenden. Und wenn die Sie darauf ansprechen, wie wenig taktvoll Ihre Anhänger ihren Sieg mit der „Internationalen“ gefeiert haben?

Riexinger: Das habe ich schon in Göttingen und auf dem Berliner Parteitag klargestellt: Ich denke nicht in Kategorien von Siegern und Besiegten, und ich glaube, das ist verstanden worden. Ich glaube, es wird nicht mehr vorkommen. Alle Ost-Vorsitzenden haben signalisiert, dass sie mit der neuen Parteiführung zusammenarbeiten werden und Chancen für einen Aufbruch sehen.

Gysi sprach in Göttingen von einer Arroganz des Westens. Was tun Sie dagegen?

Riexinger: Wir dürfen unterschiedliche Praxisansätze nicht mehr gegeneinanderstellen. Im Osten wird eine bevölkerungsnahe Politik gemacht, das darf nicht gegen Aktivitäten in sozialen Bewegungen ausgespielt, sondern muss als Bereicherung verstanden werden.

Wäre es nicht dringlicher, mit den West-Vorsitzenden zu reden? Dort zeigt Ihre Partei die „Zerfallserscheinungen“, von denen Klaus Ernst sprach.

Kipping: Wir werden mit allen reden. Das nächste Treffen ist mit den Niedersachsen, dort wird 2013 gewählt.

Herr Riexinger, wie vertragen sich Gewerkschafter und Linkssektierer, die etliche westliche Verbände prägen? Von außen wirken solche Allianzen kurios.

Riexinger: Mein Landesverband ist stark gewerkschaftlich geprägt, und wir haben mit wenigen Strömungsauseinandersetzungen Politik gemacht. Eine gemeinsame politische Praxis, in der man sich mit der Realität auseinandersetzt, führt zusammen.

Frau Kipping, seit 2005 sind Sie im Bundestag, haben Sie den „Hass“ in der Fraktion gespürt, von dem Gysi sprach?

Kipping: Ich nehme es anders wahr. Mit einzelnen Kollegen streite ich mich heftig über bestimmte Themen und arbeite bei anderen sehr gut mit ihnen zusammen. Wenn Gregor Gysi seine Rede nach dem Wahlgang gehalten hätte, wäre sie sicher etwas entspannter ausgefallen.

Die Fragen stellten Mechthild Küpper und Matthias Wyssuwa.

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