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Im Gespräch: Ilse Aigner : „Der Familienstand ist irrelevant“

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Wer Hugo nicht mag, trinkt Ostfriesischen Teelikör Bild: Lüdecke, Matthias

Im nächsten Jahr will Ilse Aigner aus Berlin wieder nach Bayern wechseln. Im F.A.S.-Interview spricht die Landwirtschaftsministerin über Frauen in der Union, die schwierige Lage der Koalition und Hugo statt Hinterzimmer.

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          Finden Sie, das Leben wird durch Parteifreunde leichter, Frau Ministerin Aigner?

          In einer Partei versucht man, gemeinsame Interessen voranzubringen. Das ist in einer großen Volkspartei wie der CSU zwar nicht immer einfach. Manchmal müssen wir uns zusammenraufen. Aber wir marschieren am Ende immer zusammen.

          Ihre Parteifreundin Haderthauer, die bayerische Sozialministerin, hat Ihre Entscheidung, von Berlin nach München zu wechseln, mit den Worten kommentiert, man werde gut zusammenpassen: Sie, Christine Haderthauer, als Frau mit Kindern, und Sie, Frau Aigner, als kinderlose Unverheiratete. War das freundlich gemeint?

          Aber sicher. Christine Haderthauer weiß, dass ich sie sehr schätze. Und auch die CSU schätzt jemanden nicht erst, wenn er verheiratet ist. Ich habe Unterstützung in der Partei, weil ich nah an den Menschen bin, weil ich hart arbeite, mein Ministerium gut führe und den Bezirksverband Oberbayern neu aufstelle. Der Familienstand einer Politikerin ist in der CSU irrelevant.

          Spielt das wirklich keine Rolle mehr in Bayern?

          Längst nicht mehr. Ich bin 1983 in die CSU eingetreten. Zugegeben, da war das Familienbild noch ein anderes.

          Heute ist es nicht mehr so wichtig, ob man eine Familie gründet?

          Die Familie mit Kindern ist und bleibt unser Ideal - und wir fördern sie auch aktiv mit unserer Politik. Aber daneben gibt es eben auch andere Lebensläufe.

          Wie konservativ sind die Bayern?

          Die bayerische Gesellschaft ist sehr erdverwachsen. Ich bin zum Beispiel eine echte, gebürtige Oberbayerin. Aber in meiner Heimat leben auch viele Zugezogene - die meisten sind nach Bayern gekommen, weil es dort attraktive Arbeitsplätze gibt und die Wirtschaft floriert. Diese Menschen fühlen sich bei uns schnell heimisch. Wir empfinden diesen Austausch als Bereicherung. Die bayerische Gesellschaft ist eben liberal.

          Die CSU hat vor zwei Jahren eine Frauenquote in der Partei eingeführt. Viele Frauen waren dagegen.

          Ich war dafür. Es ist ein Unterschied, ob sich eine Partei selbst etwas auferlegt oder einem Dritten, also etwa einem Wirtschaftsunternehmen. Manchmal braucht es eine Initialzündung. In der CSU ist das gelungen, wir haben in allen Vorständen der Bezirksverbände die Quote erfüllt. Heute kann man sagen: Die Quote hat der CSU gutgetan. Ich verstehe junge Frauen, die das kritisch sehen, aber ohne Quote hätte es die CSU nicht geschafft, mehr Frauen in Führungspositionen zu holen.

          Haben sich dadurch Stil oder Inhalt der Parteiarbeit geändert?

          Ich denke, es gibt eine andere Diskussionskultur. Manche Männer glauben, sie müssten sich in jeder Diskussion zu Wort melden, das sei wichtig. Frauen melden sich seltener, dann aber intensiver, weil ihnen ein bestimmter Punkt wirklich am Herzen liegt. Aber natürlich gibt es immer auch Gegenbeispiele.

          Die Hinterzimmer mit Bier und Zigarren gibt es nicht mehr?

          Die Hinterzimmerpolitik lebt nur noch als Klischee. Frauen machen das anders, in modernen Formaten. Man lässt nicht mehr einen zweistündigen Vortrag über sich ergehen und stellt danach noch drei Fragen, sondern sitzt bei einem Cocktail, einem „Hugo“ oder einem „Aperol Spritz“ zusammen und diskutiert. Die CSU steht für neue, erfolgreiche Formate, bei denen oft leidenschaftlicher politisiert wird als früher im Hinterzimmer.

          Wenn eine erzwungene Frauenquote Ihrer Partei hilft, warum dann nicht der Wirtschaft?

          Ich nenne Ihnen mal ein Beispiel: Ein Bekannter hat ein großes Tiefbauunternehmen - eine klassische Männerdomäne. In diesem Bereich gibt es derzeit faktisch nicht genügend Frauen, um eine Quote zu erfüllen. Man findet auch nicht überall die gewünschte Zahl geeigneter Frauen. Auch das gehört zur Wahrheit.

          Einige Frauen in der Union finden den SPD-Vorschlag einer zwangsweisen Quote für Aufsichtsräte gut und wollen, dass darüber im Bundestag frei abgestimmt wird, ohne Fraktionsdisziplin.

          Ich werde mit Nein stimmen und fände es auch falsch, die Fraktionsdisziplin aufzuheben. Die Frauenquote ist keine Gewissensfrage.

          Aus Bayern kommt die Idee des Betreuungsgeldes. Fühlen sich junge bayerische Mütter erst anerkannt, wenn sie Geld vom Staat dafür bekommen, dass sie ihre Kinder großziehen?

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