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Im Gespräch: Hans Küng : „Irren ist auch päpstlich“

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An mehreren Stellen in Ihrem Buch wird auch ein möglicher Rücktritt des Papsts angedeutet. Dabei zitieren Sie mit dieser Forderung immer andere, und beziehen selbst keine Stellung. Zu heikel?
Zunächst einmal versuche ich, gerade wegen meiner langjährigen persönlichen Bekanntschaft mit dem gegenwärtigen Papst, alles zu vermeiden, was nach einem persönlichen Ressentiment aussieht. Darüber hinaus glaube ich nicht, dass es mit einem Rücktritt getan wäre, so lange nicht bessere Regeln für eine freiere und bessere Papstwahl geschaffen werden.

Wie?
Wenn Ratzinger der Kirche noch etwas Gutes tun möchte, wäre das eine Möglichkeit: das Wahlgremium erweitern und für die Kirchengemeinschaft repräsentativ gestalten.

Hat die herausragende Stellung des Papsts in der katholischen Kirche nicht auch Vorteile? Die evangelischen Kirchen sehen sich einer zunehmenden Zersplitterung ausgesetzt, mit starken fundamentalistischen Strömungen. Da gibt eben niemand die Regeln vor.
Ich habe nie gesagt, dass die katholische Kirche protestantisch werden soll. Doch die katholische Kirche leidet an zu viel Autorität, Disziplinierung, Gehorsam, an einem Mangel an Freiheit und Kreativität. Die evangelischen Kirchen hingegen haben zu wenig Zusammenhalt, es fehlt ein Sinn für Bindung und für Gemeinsamkeiten. Das ist ein Grund, warum ich ein Petrusamt grundsätzlich bejahe.

Sie loben Luther, obgleich der sicher nicht frei von Fehlern war, und auch die Ostkirchen kommen bei Ihnen deutlich besser weg als die römische. Warum bleiben Sie überhaupt Katholik?
Weil ich in dieser großen Gemeinschaft aufgewachsen bin, der ich mich immer loyal verpflichtet gefühlt habe. Da gibt es ja nicht nur die römische Obrigkeit, die den Kontakt mit mir meidet, sondern auch die freundliche Aufnahme überall im katholischen Volk und Klerus - und selbst bei einzelnen Bischöfen. Ich glaube, dass ich weit mehr in der Mitte der Kirche stehe als mancher Hierarch.

Sie rufen die Basis zu zivilem Ungehorsam auf. Wie soll der aussehen?
Es gibt gute Beispiele: Pfarrer und Gemeinden, die sich gegen das römische Verbot von Ministrantinnen durchgesetzt haben. Diözesen, die sich erfolgreich gegen oktroyierte Bischöfe wehren. Gemeinden, die an einem vom Bischof abgesetzten Pfarrer festhalten. Die Tatsache, dass in manchen Diözesen trotz römischen Verbots Laien predigen und auch eucharistische Gastfreundschaft gewährt wird. Die Gründung der Initiative Donum Vitae, nachdem sich die katholische Kirche auf römischen Druck aus der Schwangerschafts-Konfliktberatung zurückgezogen hatte. Der größte Feind der Reform aber ist die Angst.

Haben Sie keine Angst, zum Spalter zu werden. Darauf könnte es hinauslaufen.
Spalter sind die traditionalistischen Pius-Brüder. Mir geht es um die erneute Öffnung der Kirche, um mehr Pluralismus und Meinungsvielfalt.

Am 1. Mai soll Johannes Paul II. selig gesprochen werden. Was für Gefühle löst das in Ihnen aus. Als er Papst war, wurde Ihnen die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen.
Das ist eine Farce. Mehr dazu habe ich in meinem Buch „Ist die Kirche noch zu retten?“ geschrieben.

Eine persönliche Frage: Warum kämpfen sie gegen den Zölibat und leben dennoch zölibatär?
Ich weiß natürlich, dass ich mich, wenn ich geheiratet hätte, aus dem Kirchenamt ausgeschlossen hätte. Und ich habe unverheiratet durchaus Positives bewirken können. Ich hätte wohl einige Bücher nicht schreiben und mir einige Forschungssemester in Übersee nicht gestatten können, wenn ich eine Partnerschaft pflegen und womöglich für Kinder hätte sorgen müssen. Ich kann mich also nicht beklagen. Es geht mir nicht darum, die Ehelosigkeit abzuschaffen. Ich sage lediglich, dass auch Priester die freie Wahl haben sollten.

Glauben Sie, Benedikt wird Ihr Buch lesen?
Er wird sicher reinschauen, wenn ich es ihm zuschicke - und das werde ich tun, wie ich es immer getan habe.

Wie reagiert er normalerweise?
Er bestätigt zumindest den Empfang. Das ist ja auch schon etwas wert.

Das Gespräch führte Tim Höhn.

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