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Im Gespräch: Hans Küng : „Irren ist auch päpstlich“

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Wenn die Kirche Ihre liberaleren Positionen übernimmt, sich dem Zeitgeist anpasst, die Moralität aufweicht: Was unterscheidet Sie dann noch von anderen Heilslehren, die heute auf dem Markt sind?
Das Unterscheidende sollte jedenfalls nicht Weltfremdheit und Verweigerung von Menschenrechten sein. Es geht nicht um Anpassung, es geht um eine Besinnung auf das Neue Testament, und damit um eine neue Offenheit gegenüber Frauen, Geschiedenen, Homosexuellen, Laien überhaupt, gegenüber den Anliegen der Reformation und der Aufklärung. Entscheidend wird immer der Bezug zu Jesus Christus sein, und eine Kirche, die dessen Botschaft nicht mehr ernst nimmt, sollte sich nicht christlich nennen. Natürlich müssen wir nicht alles mitmachen, was gerade Mode ist. Aber einen Stellvertreter Christi vermögen immer weniger Menschen in einem Papst in barocker Pracht und Herrlichkeit zu erkennen.

Warum hält er dann an den konservativen Positionen zu Zölibat, Verhütung oder Frauenordination fest? Die damit verbundenen Probleme sind offensichtlich.
Das ist eine sehr komplexe Frage. Einerseits hat er vieles von seiner konservativen bayerischen Herkunft mitgenommen. Aber auch ich habe eine konservative schweizerische Sozialisation erfahren, mich aber immer mehr geöffnet. Ratzinger ist in vieler Hinsicht ein Mann, der die Welt nur oberflächlich kennengelernt hat und in seiner Denkweise im barocken Bayern und im Mittelalter verhaftet bleibt. Und seit drei Jahrzehnten lebt er am vatikanischen Hof.

Hält Benedikt in Rom überhaupt noch die Fäden in der Hand?
Juristisch gesehen ist er nach wie vor der absolute Fürst mit exklusiver Entscheidungsgewalt, der, wenn er wollte, heute zum Beispiel das Zölibatsgesetz abschaffen könnte, ohne jemanden zu fragen. Es gibt niemanden in der Kurie, der ihn daran hindern könnte. Aber auch niemanden, der ihn korrigiert.

Warum nicht?
Eine schlechte Personalpolitik! Er mag keine kritischen Leute um sich, und jetzt hat er zumeist unfähige Leute. Aber er denkt eben so wie die Kurie, deswegen lässt er sie machen. Die Verantwortlichen im Vatikan scheinen gar nicht zu merken, wie manche seiner Handlungen und Äußerungen in der Öffentlichkeit ankommen.

Sie meinen die Zurücknahme der Exkommunikation des Holocaust-Leugners Richard Williamson und die sich anschließende Kontroverse?
Zum Beispiel. So etwas ist kein Zufall. Ratzinger hat kein Gespür dafür, was er damit anrichtet, aber niemand in der Kurie greift ein. Viele leben im Vatikan geistig isoliert wie früher die Machthaber im Kreml.

Wie groß ist der Einfluss von traditionalistischen Gruppen wie Opus Dei oder von frommen geistlichen Gemeinschaften wie den Movimenti in der Kurie?
Sehr groß. Der Priestermangel hat sich auch in der Kurie ausgewirkt, und zahlreiche Stellen werden dann eben mit Mitgliedern der Movimenti besetzt. Das sind brave Leute, ich will sie gar nicht schlecht machen, aber oft einer gewissen Ideologie verhaftet, jedenfalls absolut papstgläubig. Das kritische Denken in der Kurie hat stark abgenommen.

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