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Im Gespräch: Hans Küng : „Irren ist auch päpstlich“

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In Ihrem neuen Buch schreiben Sie, es gebe historisch tiefliegende Gründe für die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche. Wo fing das an?
Eine Wurzel dieser Skandale ist die Tabuisierung der Sexualität. Wir finden diese Sexual- und Frauenfeindlichkeit nicht bei Jesus, und Paulus hat diejenigen getadelt, die die Ehe verbieten wollten. Im Lauf des ersten Jahrtausends aber wurde die Sexualfeindlichkeit verstärkt durch die Theorie der Erbsünde. Insofern ist das ein uraltes Problem. Es ist indes keine Frage, dass es Auswirkungen hat, wenn man einer ganzen Gruppe von Menschen die Ehe verbietet. Mir liegt es fern zu sagen, der Zölibat sei die einzige Erklärung für den Sexualmissbrauch. Aber er erklärt schon, warum dieses Problem gerade in der katholischen Kirche ein solch unfassbares Ausmaß angenommen hat.

Sie fordern ein Mea culpa des Papstes. Wofür soll er sich entschuldigen?
Er hat mit der Glaubenskongregation ein weltweites Vertuschungssystem aufgebaut. Die Kurie hat alles dafür getan, die Vorfälle zu verschleiern. Schon als Kardinal hat Ratzinger im Jahr 2001 alle Bischöfe weltweit in einem Brief aufgefordert, dass Sexualvergehen der römischen Glaubenskongregation zu melden sind. Die Missbrauchsfälle werden in diesem Schreiben unter das Secretum Pontificium gestellt, also unter strengste Geheimhaltung.

Trägt er deswegen persönliche Schuld?
Bis heute hat er dieses Schreiben nicht zurückgezogen, und zu dieser seiner persönlichen Verantwortung hat er immer geschwiegen. Schon als Erzbischof von München und Freising war Ratzinger selbst an der Vertuschung von Sexualdelikten beteiligt. Jetzt kann er nicht erwarten, dass die Bischöfe ihr Mea culpa bringen, während er sich als der unschuldige Heilige Vater hinstellt.

Sie sprechen von einer Reform der Kirche, meinen aber doch eine Revolution.
Ich will keinen gewaltsamen Umsturz der kirchlichen Ordnung, ihrer Werte und Repräsentanten. Wohl aber eine grundlegende Reform, und die geht auf die Ursprünge zurück. Ich setze mich dafür ein, dass die Kirche zu ihrer ursprünglichen Lehre und ihrem ursprünglichen Ethos zurückfindet. Mein Vorwurf ist ja gerade, dass wir Jesus und seine Botschaft weithin vergessen haben. Bin ich ein Revolutionär, weil ich statt für das mittelalterliche Kirchenrecht für das Evangelium optiere?

Das nicht, aber in Bezug auf die Kirchenhierarchie gehen Sie sehr weit. Da bliebe kaum ein Stein auf dem anderen.
Das Wesentliche würde bleiben: der Episkopat und ein pastorales Petrusamt als Zentrum der Einheit, das inspirierend und koordinierend wirken kann. Das tat Johannes XXIII. (Papst von 1958 bis 1963), der ohne Repression, Gewalt und moralischen Zeigefinger eine Wende in der Kirche herbeigeführt hat. Die Schwierigkeit ist, dass das aktuelle rigide System einen solchen Mann gar nicht hochkommen lässt. Denn es gibt keine größere Sorge in der Kurie als die vor einem Johannes XXIV.

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