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Im Gespräch: Hans Küng : „Irren ist auch päpstlich“

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Sie kritisieren sogar die Mode von Papst Benedikt, beschreiben seine Neigung zur Prunksucht.
Bezeichnend ist, dass er auf Gewänder und Utensilien aus der Zeit des 19. Jahrhunderts, des Barock und sogar des Renaissancepapstes Leo X. zurückgreift -jenes Papstes also, der die Reformation verschlafen und Luther exkommuniziert hat. Das wäre schon bei einem italienischen Papst unverzeihlich, bei einem deutschen ist es unbegreiflich.

Und die Prunksucht? Die maßgeschneiderten Schuhe, all der teure Samt und die Seide?
Er meint wohl, er könne mit Gold und Edelsteinen dem Papsttum neuen „Glamour“ verleihen. Aber viele fühlen sich davon eher abgestoßen.

Sie verschweigen die unbestreitbaren Leistungen des Papstes als Mahner gegen Krieg und Gewalt, der sich für Gerechtigkeit einsetzt und den Dialog der Kulturen fördert.
Ich habe keine Biografie von Ratzinger geschrieben, sondern eine Art Handbuch für Kirchenreform mit einer Krankheitsgeschichte. Ratzingers Außenpolitik steht im Widerspruch zu einer autoritären Innenpolitik. Der Papst hat gut reden von der Freiheit der Kirche in der Welt, aber nach innen gewährt er sie nicht. Stattdessen übt Rom wieder Repression und Inquisition gegen Bischöfe, Priester, Theologen, Ordensfrauen.

Bei all dieser massiven Kritik ist schwer vorstellbar, dass Sie noch 2005 mit Benedikt in seiner Sommerresidenz in Castel Gandolfo saßen und freundschaftlich mit ihm diskutierten.
Ich werde für dieses Gespräch stets dankbar bleiben. Und da gab es tatsächlich freundschaftliches Einverständnis, einige Punkte, in denen wir einig waren, beispielsweise, was den Dialog der Kulturen und das Weltethos angeht. Ich hätte aber erwartet, dass er nach dem, was er damals sagte, die Kirche wieder nach vorne und nicht nach rückwärts orientiert. Das ist nicht geschehen.

Er hat das Kondomverbot gelockert.
Das zeigt nur, dass er gemerkt hat, dass Rom in dieser Frage eine unmögliche Position vertritt. Das hat mich gefreut. Aber diese Lockerung betrifft nur männliche Homosexuelle, und so drängt sich sofort die Frage auf: Was ist mit normal verheirateten Paaren?

Woher beziehen Sie ihren festen Standpunkt, mit ihren Thesen richtig zu liegen?
Weil ich sie vom Evangelium her begründen kann. Und weil ich keine Eigeninteressen dabei habe, erst recht keine Macht in der Hierarchie beanspruche. Was Jesus täte, bleibt für mich das entscheidende Kriterium.

Der Papst denkt sicher auch, er tue das Richtige.
Er meint, er müsse die „Tradition“ wahren, und das tut er auch. Aber was er als Tradition ansieht, ist nur eine mittelalterliche Form davon, gegenreformatorisch und antimodern zugespitzt.

Er irrt?
Irren ist auch päpstlich.

Sind Sie sicher, dass Jesus in diesem Streit auf Ihrer Seite stünde?
Ich hoffe es.

Glauben Sie es?
Ja. Und ich habe im Buch „Christ sein“ dargelegt, warum.

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