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Im Gespräch: Generalinspekteur Volker Wieker : „Rückwärtsgerichtete Kritik schadet der Bundeswehr“

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Das machen wir ja schon. Ich selbst habe schon als Brigadekommandeur Ende der neunziger Jahre sehr intensiv mit polnischen Verbänden gemeinsam geübt. Und das setzen wir fort. Vor allem unter dem Kommando des Multinationalen Korps Nordost werden weiterhin solche Manöver durchgeführt. Und auch das ist ein Ausdruck unserer Entschlossenheit, die Bündnisverteidigung nicht zu vernachlässigen.

Glauben Sie, dass die oft geforderte engere Zusammenarbeit in der Nato, auch eine stärkere militärische Arbeitsteilung unter dem Eindruck der Krise in der Ukraine vorankommen?

Ja natürlich. Das wird Einfluss haben auf unsere Kooperationsprojekte. Ich erhoffe mir davon neue Impulse. Zum Beispiel ein verlegefähiges Multinationales Korps Nordost, das zu vernetzter Operationsführung befähigt ist, gemeinsame Aufklärungsfähigkeiten oder auch Initiativen für gemeinsame Fähigkeiten zur Luftbetankung und für den strategischen See- und Lufttransport.

Afghanistan war der Schauplatz, der die Nato vor der aktuellen Krise am stärksten beschäftigt hat. Wie bewerten Sie die Ankündigung des amerikanischen Präsidenten, seine Truppen für die geplante Nachfolgemission „Resolute Support“ nur noch zwei Jahre zur Verfügung zu stellen – hätte die Bundeswehr sich nicht eine längere Präsenz gewünscht?

Präsident Obama hat damit den Rahmen gesteckt für das weitere Engagement aller truppenstellenden Nationen. Wir sind dankbar, dass er das bereits jetzt getan hat, weil wir nun unsere eigenen Planungen darauf einstellen können. Wir sind entschlossen, unsere Präsenz in Mazar-i-Sharif, also im Norden Afghanistans, auch nach dem Ende der Isaf-Mission fortzusetzen, und werden uns im Anschluss daran wohl auf Kabul konzentrieren. Das gilt es nun zunächst politisch und mit unseren Partnern zu erörtern.

Aber die Bundeswehr hätte sich schon vorstellen können, noch zwei Jahre in Mazar-i-Sharif zu bleiben, statt der zwölf Monate, die nun durch den Abzugszeitplan der Amerikaner vorgegeben sind?

Man wird das von der Lageentwicklung insgesamt abhängig machen. Der Ablauf der Präsidentenwahlen, vor allem die außerordentlich hohe Wahlbeteiligung unter den gegebenen schwierigen Voraussetzungen haben aber auch deutlich gemacht, dass die übergroße Mehrheit der afghanischen Bevölkerung den eingeschlagenen Weg weiter beschreiten will, und das macht uns alle sehr zuversichtlich.

Zurück nach Deutschland. Im letzten Jahr ist eine Milliarde Euro an geplanten Rüstungsausgaben im Wehretat nicht abgerufen worden. Jetzt will die Verteidigungsministerin alle wichtigen Beschaffungsvorhaben von einem externen Beratungsunternehmen prüfen lassen; das Verfahren dauert länger, als ursprünglich angenommen: Entsteht da eine Ausstattungslücke für die Bundeswehr?

Überhaupt nicht. Die Modernisierung der Bundeswehr wird planmäßig fortgesetzt. Übrigens halte ich es für unzulässig, die Modernisierung von Ausrüstung und Bewaffnung der Bundeswehr in eine Entweder-oder-Konstellation mit der Attraktivitäts-Agenda zu stellen, die gerade vorgestellt worden ist. Mit welchem Recht ereifert man sich über eine Ressortchefin, die sich bemüht, für die gut 250000 Soldaten und zivilen Mitarbeiter in ihrer Verantwortung eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse zu erwirken? Der Finanzrahmen, der dafür veranschlagt wird, entspricht etwa den Kosten eines einzigen modernen Kampfflugzeugs.

Sie spielen jetzt auf die Kritik an, die Ihr Vorvorgänger im Amt des Generalinspekteurs, Harald Kujat, an den Vorschlägen geübt hat, die Bundeswehr zu einem attraktiveren Arbeitgeber zu machen?

Das sage ich nicht mit Blick auf eine Einzelperson. In meiner Aufgabe ist man ja derartige Zurufe von der Seitenlinie gewöhnt. Überwiegend sind sie ja auch sachlich und konstruktiv. Wenn sie allerdings nur rückwärtsgerichtet erscheinen oder in Wortlaut und Diktion persönlich und verletzend wirken, dann schadet das der Bundeswehr. Denn die jungen Leute gewinnen so den Eindruck, unser Profil und Image würde maßgeblich durch die Generation ihrer Großeltern bestimmt.

Mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr sprach Johannes Leithäuser.

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