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Im Gespräch: Dieter Graumann : „Ein Mangel an Fingerspitzengefühl“

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Fürsprecher, Mahner, Unterhändler: Dieter Graumann Bild: Finger, Stefan

Mehr Transparenz und Empathie im Umgang mit dem Münchner Kunstfund fordert Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden. Ein Gespräch über Antisemitismus und das Leben der Juden in Deutschland.

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          Herr Graumann, der sensationelle Fund von 1400 Werken ehemals als „entartet“ eingestufter Kunst in München wirft viele Fragen auf. Vermutlich gibt es jüdische Eigentümer oder deren Erben, die Anspruch auf eines oder mehrere dieser Bilder haben. Wie soll die Staatsanwaltschaft damit umgehen?

          Ich befürworte es sehr, dass nun alle Bilder nicht nur mit Titel und Namen des Künstlers, sondern auch mit einer Abbildung ins Internet kommen. Das kann helfen, mögliche Restitutionsansprüche durchzusetzen. Der Staatsanwaltschaft fehlte es, bei allem guten Willen, ganz offenbar an Fingerspitzengefühl: Man kann einen solchen Fund nicht als geheime Kommandosache behandeln. Hier ist Transparenz nötig. Eine Kunsthistorikerin sprach angesichts des Fundes fast schon euphorisch von „Glücksgefühlen“. Da kann ich mich über den Mangel an Empathie nur wundern. Viele dieser Kunstwerke wurden jüdischen Menschen zum Teil unter schlimmsten Umständen abgepresst, das darf man bei aller Freude über die Wiederentdeckung verschollen geglaubter Werke niemals vergessen.

          Am Wochenende tagte die Europäische Rabbinerkonferenz erstmals seit dem Holocaust in Deutschland, 75 Jahre nach der Pogromnacht. Warum haben die Rabbiner Deutschland als Tagungsort so lange gemieden?

          Der Zentralrat hat sie eingeladen; es war ein Zeichen von Vertrauen und auch von Respekt für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland, dass die orthodoxen Rabbiner zu uns kamen. Viele Jahre lang war ja das Judentum in Deutschland überhaupt nicht anerkannt in der internationalen jüdischen Welt. Das hat sich nun sehr geändert. Wir werden politisch überall sehr ernst genommen. Aber früher gab es sogar Beschlüsse, dass Juden nicht in Deutschland leben sollten. Es ging so weit, dass meine Eltern oft sagten, wir lebten in der Schweiz, wenn wir in Israel zu Besuch waren, um sich nicht immer rechtfertigen zu müssen. Mittlerweile weiß man aber in Israel, dass Deutschland in Europa der verlässlichste Partner ist.

          In der vergangenen Woche veröffentlichte die europäische Agentur für Menschenrechte eine Studie, nach der drei von vier Juden in Europa sagten, ihrer Ansicht nach hätten Feindseligkeiten mit antisemitischem Grundton in den vergangenen fünf Jahren zugenommen. Teilen Sie diesen Eindruck?

          Die Studie sagt mir, dass wir, die wir all die Jahre vor Antisemitismus in Deutschland warnen, keine Hysteriker sind, sondern ganz nah an der Lebenswirklichkeit jüdischer Menschen in Deutschland. Gerade von der Beschneidungsdebatte waren viele Juden in Deutschland verstört; sie hat Antisemitismus zutage gefördert, besonders deutlich sichtbar in Leserkommentaren im Internet. Mich hat an der Umfrage auch erschüttert, dass die Mehrheit der Befragten sagte, sie meldeten antisemitische Vorfälle gar nicht erst der Polizei, weil sie davon ausgingen, dass das ohnehin nichts nütze. Also sind Statistiken über solche Vorfälle fast wertlos, weil die Dunkelziffer so hoch ist. Das Vertrauen in die Behörden wird nicht größer durch Vorkommnisse wie in Berlin vor mehr als einem Jahr, als der Rabbiner Alter von muslimischen Jugendlichen auf offener Straße am helllichten Tag im Beisein seiner Tochter aufs Übelste beschimpft und krankenhausreif geschlagen wurde. Die Täter wurden bis heute nicht gefasst, obwohl der Fall international für Aufsehen sorgte. Die Berliner Behörden sind hier geradezu erbarmungslos erfolglos – das fördert das Vertrauen nicht.

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