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Katja Kipping und Bernd Riexinger im Gespräch : „Die Küken zählt man im Herbst“

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Riexinger: Die Linke vereint verschiedene Strömungen, Traditionslinien und Sichtweisen. Das gab es geschichtlich so noch nicht. Wir sind auf gutem Weg zu einer modernen linken Partei. Zugespitzte Aussagen einzelner Strömungen gehören dazu.

Der Schlagabtausch zwischen der Linkspartei und den Grünen über die Ukraine zeigte offene Häme und tiefe Abneigung. Wie weit ist es bis zu Rot-Rot-Grün?

Kipping: Wir sind nicht glücklich, dass sich die Opposition gegenseitig so sehr angreift. Die große Koalition bietet genügend Anlass zur Kritik.

In Ihrer Ukraine-Erklärung schlugen Sie einen anderen Ton an, als er aus Ihrer Partei zu hören war. So hatten Sie es sich vorgenommen, als Sie vor zwei Jahren gewählt wurden. Kann ein anderer Ton eine gesellschaftliche Mehrheit erzeugen?

Kipping: Man kommt zumindest näher heran. Eine linkspluralistische Partei ist nicht mit einem traditionellen Basta-Leitungsstil zu führen. Wir setzen auf kollektive Führung. Wir führen Beratungen mit sozialen Bewegungen und Gewerkschaften durch und haben eine Gesprächsoffensive mit Kunstschaffenden und Intellektuellen gestartet. Heute besitzen wir mehr strategische Optionen als vor zwei Jahren. Unser Führungsstil steht für innerparteiliche Integration, für Innovation und eine gewisse Intellektualisierung.

Sie treten betont demütig, ja fast als schwache Führung auf – die umstrittene Präambel des Europawahlprogramms haben Sie zunächst durchgehen lassen.

Kipping: Wir müssten klären, ob Führungsstärke hieße, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen. Ein russisches Sprichwort heißt: Die Küken zählt man im Herbst. Das Ergebnis zählt. Beim Europawahlprogramm erhielt am Ende die Botschaft „Kein Rückzug aufs Nationale“ eine Mehrheit von 95 Prozent. Wir stehen nicht nur für Harmonie, sondern für gemeinsame Handlungsfähigkeit.

Bei der Präambel wirkte das fast inszeniert: Ein paar Radikalinskisätze, Widerspruch, glückliches Ende, die Führung blieb immer dezent.

Riexinger: Dezent? Innerparteiliche Kämpfe wirken immer abstoßend. Wenn die Führung offen polarisiert, wird es nicht besser. Jetzt haben wir die Basis, um das Profil unserer Partei weiterzuentwickeln. Wir haben nicht den Eindruck, dass diese Führung in der Partei umstritten ist.

Kipping: In Göttingen waren wir sicher nicht für alle das Wunschpaar. Aber im Ergebnis sind so manche Wünsche wahr geworden: Wir sind Oppositionsführerin, gut verankert in sozialen Bewegungen, und durch unsere Politik der Einladung haben wir heute mehr strategische Optionen.

Hat die Diskussion um die Ukraine die Linkspartei isoliert, oder kann sie das rot-rot-grüne Vorhaben nicht aufhalten?

Riexinger: Für Rot-Rot-Grün ist entscheidend, ob es den Willen zum Politikwechsel und für ein Reformprojekt gibt. Dann wird man sich unterhalten können und müssen.

Kipping: Beim Blick auf Rot-Rot-Grün besorgt mich mehr der Militarisierungsdiskurs in der Gesellschaft. Die große Koalition mit SPD-Beteiligung hat vor der Krim-Krise fast im Wochentakt neue mögliche Einsätze ins Gespräch gebracht. Das macht gemeinsame Politik schwieriger.

Riexinger: Neben der Friedensfrage ist die zentrale Frage die nach der Umverteilung. Das ist der Kern eines linken Reformprojekts. Die große Koalition nimmt Korrekturen vor, ist aber völlig ignorant gegenüber den zentralen Problemen.

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