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Im Gespräch: Cem Özdemir : „Die Türkei-Politik von Merkel ist ein Desaster“

Noch einmal gefragt: Würden die Grünen die Kanzlerin unterstützen, wenn sie in der Union nach dem 13. März stark unter Druck gerät?

Mein Interesse als Oppositionspolitiker müsste ja eigentlich sein, dass die Union wegen des Zwists in der Flüchtlingspolitik scheitert. Mein Interesse als Bundesbürger ist es aber, dass dies nicht passiert. Ich möchte nicht, dass die Gesellschaft sich weiter polarisiert und die Fanatiker Oberwasser bekommen. Mein Interesse als Grünen-Politiker kann es also nicht sein, dass die Union sich zerlegt. Deren Wähler kommen dann nämlich nicht alle in Scharen zu uns, sondern gehen zur AfD.

Wie ist denn Ihr Gesprächsfaden zu FDP-Chef Christian Lindner? Wenn es in Baden-Württemberg nicht für die Fortsetzung von Grün-Rot reicht und die CDU bei Grün-Schwarz nicht mitmacht, muss doch in Ihrer Partei eine Ampelkoalition mit SPD und FDP angestrebt werden. Sonst kann Winfried Kretschmann nicht weiter Ministerpräsident sein.

Christian Lindner und ich kennen uns und schätzen uns. Er ist mein Nachfolger als Ritter des Ordens wider des Tierischen Ernstes in Aachen. Ich durfte die Laudatio auf ihn halten. Da ist mir nicht nur Böses eingefallen.

„Ich habe eine Laudatio auf ihn gehalten. Mir ist nichts Böses eingefallen“: Özdemir über den FDP-Vorsitzenden Christian Lindner

Wäre eine Ampel für die Grünen nicht die allerschlechteste Option, wenn Grün-Rot keine Mehrheit hat?

Ich werde vor der Wahl sicher nicht über zweitbeste oder drittbeste Optionen spekulieren. Warum soll irgendjemand von uns Gespräche mit einer Partei ankündigen, wenn das, was wir wollen – nämlich Grün-Rot – in Reichweite ist?

Im baden-württembergischen Wahlkampf warnt die Junge Union vor einer Wahl der Grünen, weil dann nicht Kretschmann, sondern Sie Ministerpräsident würden. Haben Sie Ambitionen auf Kretschmanns Nachfolge?

Winfried Kretschmann macht einen tollen Job. Und er hat klargestellt, dass er das Amt des Ministerpräsidenten die nächsten fünf Jahre ausfüllen will. Dabei hat er meine volle Unterstützung. Ich sehe meine Rolle als Parteivorsitzender im Bund. Als Politiker, der Stuttgart im Bundestag vertritt und der den nächsten Bundestagswahlkampf mit dem Ziel starker Grüner in der nächsten Bundesregierung führt. Winfried Kretschmann ist der Landesvater und soll es nach dem Willen der Baden-Württemberger ja auch bleiben. Ich habe mich zu der Kampagne der JU bisher nicht geäußert, weil sie nicht der Rede wert war. Sie zeigt aber, dass bei denen die Hütte brennt. Vielleicht sollte man das Plakat nach der Landtagswahl ins Haus der Deutschen Geschichte hängen, als Beispiel, was es 2016 noch alles gab bei uns.

Haben Sie den Eindruck, dass mit der Kampagne auf Ihre türkische Herkunft angespielt wird?

Was glauben sie? Was immer sich die Junge Union dabei gedacht haben mag: Wir leben im Jahr 2016 und ich komme aus dem Schwäbischen Bad Urach, nicht aus einer fernen Galaxie. Angela Merkel scheint da weitaus zeitgemäßer zu sein.

Die Drogenaffäre von Volker Beck trifft die Grünen mitten im Wahlkampf. Schreckt das nicht konservative Wähler ab in Baden-Württemberg ab, die wegen Winfried Kretschmann eigentlich dieses Mal Grün wählen wollten wie Trigema-Chef Grupp?

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