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Im Gespräch: Außenminister Guido Westerwelle : „Integration hat nichts Romantisches“

  • Aktualisiert am

„Außenpolitik ist harte Arbeit gerade auch hinter den Kulissen” Bild: Matthias Lüdecke / FAZ

Der FDP-Vorsitzende und Außenminister Westerwelle hat sich gegenüber der F.A.Z. für eine „fordernde Integration“ ausgesprochen. Einwanderer müssten „unser Wertesystem akzeptieren“, sagte er. Vielleicht sei er „hier besonders engagiert, weil ich selber einer Minderheit angehöre“.

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          Herr Minister, teilen Sie die Auffassung des Bundespräsidenten, der Islam gehöre zu Deutschland?

          Der Islam ist Teil der gesellschaftlichen Realität Deutschlands. Unsere kulturelle Wurzel ist die christlich-jüdische Tradition.

          Hat Sie die Aussage des Präsidenten überrascht?

          Die Rede des Bundespräsidenten in Bremen hatte viele Facetten. Vor allem begrüße ich, wie eindeutig er sich zu Europa bekannt hat. Denn es gibt nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern eine unerfreuliche Tendenz zur Renationalisierung. Was die Frage der Migration anbelangt, zähle ich zu jenen, die schon vor Jahren vor der multikulturellen Wertebeliebigkeit gewarnt haben. Ich habe von der Notwendigkeit, die deutsche Sprache zur Integration zu lernen, schon gesprochen, als man von manch anderem dafür noch in eine rechte Ecke gestellt wurde.

          Sie sprachen von einer Tendenz zur Renationalisierung in Europa. Was sind die Triebkräfte einer solchen Entwicklung?

          Viele Menschen sind verunsichert durch die europäische Finanzkrise. Es zählt zu den Erfolgen der Bundesregierung, dass wir Kurs gehalten haben, um unsere Währung zu schützen - übrigens ohne Unterstützung der Opposition. Wir haben uns nicht von den Kritikern beeindrucken lassen, die Griechenland sofort helfen wollten, ohne Bedingungen zu stellen. Hätten wir einen Blankoscheck ausgestellt, gäbe es nicht die umfassenden Strukturreformen, die wir heute in mehreren Mitgliedsländern der EU haben. Wir haben uns aber auch nicht von jenen beeindrucken lassen, die gerufen haben, niemals dürfe man einen solchen Schutzschirm spannen. Diese Kritiker haben vergessen, dass es eine der wichtigsten Hoheitsaufgaben des Staates ist, die eigene Währung zu schützen.

          Wundert Sie die ablehnende Reaktion vieler Deutschen auf Wulffs Rede, wie sie Umfragen zeigen? Und wundert Sie der breite Zuspruch für Sarrazins Buch?

          In richtungsweisenden Fragen für unser Land darf man nie allein auf Umfragen schauen. Wenn man regiert, muss man tun, was richtig ist. Ob man dafür mal mehr, mal weniger Beifall bekommt, ist zweitrangig. Ich bin in einem Viertel in der Bonner Altstadt groß geworden, das seinerzeit als multikulturell bezeichnet wurde. Ich weiß, dass viele in der Politik sehr abstrakt über Integration reden, die persönlich da, wo sie leben, mit den Problemen der Integration nie in Berührung kommen. Integration hat nichts Romantisches, sondern etwas sehr Forderndes. Wir müssen die Kinder fördern, damit sie unsere Sprache lernen und gleiche Bildungschancen erhalten. Und wir müssen die Eltern fordern. Wir erwarten, dass sie unser Wertesystem akzeptieren. Vielleicht bin ich hier besonders engagiert, weil ich selber einer Minderheit angehöre - jedenfalls lehne ich es mit Entschiedenheit ab, mit kultureller Herkunft oder angeblicher religiöser Identität zu erklären, wenn Minderheiten diskriminiert oder Frauen und Mädchen unterdrückt werden.

          Aber da tut sich doch eine gewaltige Kluft auf: Die politische Klasse verdammt das Sarrazin-Buch in Bausch und Bogen, und eine Million Deutsche kaufen es.

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