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Missbrauch in Lügde : Verbrechen und Versagen

Im Fall Lügde wurde skandalöserweise lange weggesehen. Bild: dpa

Im Fall Lügde hat der Staat weggesehen und versagt. Hoffentlich ist nun der Blick geschärft – für das Erkennen von Missbrauch ebenso wie für sorgfältige Ermittlungen und abgewogene Öffentlichkeitsarbeit.

          Die Vorsitzende Richterin im Fall Lügde äußerte, es falle ihr schwer, das Geschehen in Worte zu fassen; Begriffe wie „abscheulich, monströs, widerwärtig“ reichten nicht aus. Ja, die Justiz muss Worte finden, aber nur zu dem Zweck, eine Entscheidung zu fällen und zu begründen. Das Urteil sollte dann für sich sprechen. Im Fall Lügde sind wegen vielfachen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern nahezu Höchststrafen verhängt worden: zwölf und dreizehn Jahre Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung.

          Grauenvoll wird dieser Fall aber vollends durch die Umstände. Der Staat kann nicht jedes Verbrechen verhindern, schon gar nicht jedes, das in „Nähebeziehungen“ und gesellschaftlichen Schutzräumen begangen wird. Hier aber gab es mehrere Hinweise, dass es sich bei dem Haupttäter um einen Kinderschänder handeln könnte.

          Schon aufgrund der äußeren Umstände muss man sich fragen, wie der Mann als Pflegevater eines kleines Mädchens anerkannt werden konnte – das er dann als eine Art Lockvogel für weitere Opfer einsetzte. Nicht nur wurden Warnungen nicht beachtet; es gab Ermittlungspannen, Beweismittel verschwanden. Nun muss darauf nicht gleich eine große Polizeireform folgen. In Fall eines jeden Versagens muss gesondert geprüft werden, ob strukturelle Defizite vorliegen. Ein Untersuchungsausschuss des Landtages arbeitet den Komplex (partei)politisch auf.

          Es geht auch um Grundsätzliches. Der nordrhein-westfälische Innenminister Reul gab offen zu, dass er zuvor nie mit Kindesmissbrauch befasst gewesen sei. Dabei ist das, insbesondere Besitz und Verbreitung kinderpornographischen Materials, keineswegs selten und beileibe nicht nur auf Campingplätzen anzutreffen. Manche Ermittler sind überrascht, wie oft die Spur in akademische Milieus führt.

          Zugleich ist besondere Sorgfalt geboten. Bilder auf dem Computer reichen für eine Strafbarkeit aus; schon die Bekanntgabe von Ermittlungen bedeutet in der Regel den „sozialen Tod“. Da hilft die Betonung der Unschuldsvermutung kaum.

          Im Fall Lügde wurde skandalöserweise lange weggesehen; viele Kinder sind schwer missbraucht worden und traumatisiert. Diese Täter werden kein Unheil mehr anrichten können. Doch hoffentlich ist der Blick geschärft – für das Erkennen von Missbrauch ebenso wie für sorgfältige Ermittlungen und abgewogene Öffentlichkeitsarbeit.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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