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Corona-Notstand im Elsass : „Wer über 75 Jahre alt ist, wird nicht mehr intubiert“

Am Straßburger Bahnhof wird ein Covid-19-Patient in einen TGV verladen, damit er in einem westfranzösischen Krankenhaus behandelt werden kann. Bild: Reuters

Entsetzt warnen deutsche Katastrophenmediziner vor ostfranzösischen Zuständen. In Straßburg hätten nur noch Patienten unter 80 Jahren Aussicht auf Beatmung. In Mülhausen liegt die Grenze noch niedriger.

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          Der Brief des in Baden-Württemberg ansässigen „Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin“ (DIKFM) ist ernüchternd. Konsequente Maßnahmen bei Rettungsdiensten und in den Krankenhäusern seien erforderlich, schreibt das Institut an die Adressen der Landesinnen- und Landesgesundheitsminister in Stuttgart, wenn man eine Situation wie in den französischen Kliniken im Elsass noch abwenden wolle.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Ärzte warnen vor den äußerst schwierigen Behandlungssituationen, vor denen die Krankenhäuser im Elsass derzeit stünden und die schon bald auch deutsche Kliniken herausfordern könnten: Demnach werden Covid-19-Patienten, die älter als 80 Jahre sind, im Elsass nicht mehr beatmet. Stattdessen bekämen sie eine Sterbebegleitung und Opiate. Aus Frankreich ist sogar zu hören, dass in bestimmten Kliniken Beatmungsgeräte bereits nur noch für Patienten unter 75 Jahren bereitgestellt werden. In Deutschland hatten sich ärztliche Fachgesellschaften am Mittwoch darauf verständigt, dass nicht das Alter von Patienten das entscheidende Kriterium sein dürfe, wenn es auch hierzulande bald darum gehen sollte, wer in Kliniken beatmet wird und wer nicht.

          Jede Stunde ein Intensivpatient mehr

          Es wird in dem Schreiben an die beiden baden-württembergischen Landesminister sehr eindringlich auf die großen Schwierigkeiten bei der Behandlung von Covid-19-Patienten hingewiesen: Trotz negativer Corona-Tests zeigten sich bei einigen Patienten in Computertomographien schwere, durch das Virus verursachte Lungenentzündungen. Das heißt, dass negative Tests offenbar nicht hundertprozentig zuverlässig sind. Am 23. März habe das Straßburger Universitätsklinikum pro Stunde einen Patienten aufnehmen müssen, der Beatmung brauchte, schreiben die Notärzte, die ihre französischen Kollegen an diesem Tag besucht hatten. Eine „optimale Vorbereitung“ in Deutschland sei „von allerhöchster Dringlichkeit“.

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          Die Beatmungsdauer solcher schwerkranker Covid-Patienten liege zwischen 14 und 21 Tagen. Das ist sehr lang und verschärft den Mangel an medizinischer Infrastruktur. Beatmungsgeräte, medizinisches Verbrauchsmaterial und Pflegekräfte sind angesichts solcher Behandlungszeiten schnell Mangelware. Die destruktive Lungenerkrankung COPD, Asthma, vorhandene bakterielle Lungenentzündungen, Diabetes oder Bluthochdruck seien häufige Vorerkrankungen; es erkrankten auch Menschen, die jünger als 50 Jahre sind.

          Die Entwöhnung der Patienten von der Beatmung sei häufig schwierig. Die Pflegekräfte müssten auch deshalb um ein Vierfaches aufgestockt werden. Das Virus verbreite sich so stark, dass Krankenzimmer drei Stunden nach einer Intubation oder eine Lungenspiegelung gar nicht betreten werden könnten, weil sich „Aerosol-Tröpfchen“ am Boden sammelten. Nach Aussage der Katastrophenmediziner können die Ärzte am Straßburger Universitätsklinikum Knochenbrüche nicht mehr operativ versorgen, die Tumorchirurgie sei ohnehin eingestellt worden.

          Den alarmierenden Bericht der Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin über die Universitätsklinik in Straßburg hat der französische Präsident wohl nicht gelesen. Bei seinem Besuch in Mülhausen haben die verantwortlichen Ärzte Emmanuel Macron am Mittwoch aber von sehr ähnlichen Zuständen berichtet. Das Krankenhaus in Mülhausen, das um ein Feldlazarett der Armee erweitert wurde, sah sich sogar gezwungen, Beatmungsgeräte noch radikaler zu rationieren: Nur Patienten unter 75 Jahren könnten beatmet werden, bestätigte der Chef der Notaufnahme des Krankenhauses, Marc Noizet, in einer Videokonferenz mit hundert Notärzten der Region. „Wer über 75 Jahre alt ist, wird nicht mehr intubiert“, sagte er.

          Die Überlastung sei so groß, dass die verfügbaren Beatmungsgeräte für jüngere Patienten mit besseren Überlebenschancen reserviert bleiben müssten. Ähnliche Selektionsprozesse, die schwer mit der ärztlichen Ethik vereinbar seien, würden auch in Colmar und Straßburg stattfinden müssen. Das Elsass zählt zu den Gebieten mit der höchsten Infektionsrate in Frankreich. Aufgrund des medizinischen Personalmangels seien auch infizierte Ärzte und Pfleger zum Weiterarbeiten gezwungen.

          Die Krankenhäuser im Elsass sind dazu übergegangen, die meisten Operationen aufzuschieben, und haben alle Patienten, bei denen es medizinisch noch gerade vertretbar erschien, aus dem Krankenhaus entlassen, um über mehr Kapazitäten zu verfügen. Die französische Gesundheitsbehörde hat neue Richtlinien für die Aufnahme von Bewohnern der Senioren-und Pflegeheime (Ehpad) in Krankenhäusern verfasst. Den Heimleitungen wird davon abgeraten, an Covid-19 erkrankte Patienten ins Krankenhaus bringen zu lassen, denn „in der jetzigen Stufe der Epidemie werden sie weder beatmet noch intubiert“ werden.

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