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Identität einer Partei : Wie grün ist das denn?

  • -Aktualisiert am

Krönungsmesse zu Berlin: Renate Künast bei der Bekanntgabe ihrer Kandidatur Bild: dpa

Die Grünen sind im Höhenrausch wie nie zuvor und gelten einigen schon als neue Volkspartei. Manche aber bleiben skeptisch. Sie fürchten, ihre Partei könnte nun an Profil verlieren. Ist die grüne Idee zu groß für eine kleine Nische?

          Boris Palmer, Tübingens grüner Oberbürgermeister, muss nur auf den Gemeinderat seiner Heimatstadt verweisen: 14 Mitglieder stellen dort die Grünen, die CDU nur acht und die SPD nur sieben. Kann angesichts dieser Zahlen noch irgendeiner behaupten, die Grünen seien eine Klientelpartei? Für Palmer gibt es keinen Zweifel: „Wenn man doppelt so stark ist wie die zweitstärkste Kraft im Gemeinderat, dann ist man Volkspartei“, sagt er. Und analysiert: „Es ist uns gelungen, in neue Wählerschichten vorzudringen.“

          Und in den Umfragen steigen die Werte weiter. Dass es sich dabei vor allem um Verschiebungen im linken Lager handelt, dass der Zuwachs also vor allem von Leuten kommt, die früher SPD gewählt haben, will Palmer ausdrücklich nicht glauben - das gehe ja schon rein mathematisch nicht, sagt er. In Baden-Württemberg liegen die Grünen nach Ansicht der Demoskopen inzwischen ja bei dreißig Prozent, ihre Werte haben sich fast verdreifacht, während die SPD stabil geblieben ist - nach Adam Riese stammt der Zuwachs also zu einem großen Teil von CDU und FDP. Die nämlich sinken in der Wählergunst.

          Manchen ist der Zuwachs nicht geheuer

          Klar, die Grünen sind im Höhenrausch. Nicht nur in Baden-Württemberg, im ganzen Land sind sie im Aufwind. In Berlin will eine ihrer Frontfrauen Regierende Bürgermeisterin werden. Wer verstehen wollte, wohin die Partei inzwischen gekommen ist, der musste nur im Berliner Kommunikationsmuseum vorbeischauen, als dort Renate Künast ihre Kandidatur bekanntgab. Mit kleiner Entourage zog sie von hinten in den prächtigen Saal, sie erhob den Anspruch, eine Politik für die ganze Stadt, eine Politik „für alle“ machen zu wollen. Dabei jubelten in der ersten Reihe auch ihr Lebensgefährte und dessen Tochter. Sehr bürgerlich war das, und Frau Künast tat alles, um nicht schnodderig zu wirken. Einer - es war ein Grüner - sprach spöttisch von einer Krönungsmesse. Berlin ist, wenn Hausbesetzer zu Hausbesitzern werden.

          Gibt den Realo: Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer

          Manchen ist der Zuwachs nicht geheuer. Die Frage ist nicht nur akademisch, sie zielt ins Herz: Woher kommen die neuen Wähler? Was wollen sie? Und welche Schlüsse ziehen wir daraus? Ist das überhaupt möglich: die Stammkundschaft zu behalten, die klassischen Ökos und Alternativen, ohne die neuen Parteigänger bald wieder zu vergraulen, die Milchbauern und demonstrierenden Rentner?

          Palmer trifft einen wunden Punkt

          „Die Diskussion über das Wachstum der Grünen ist erst am Anfang. Wir sind alle verunsichert, wie man damit umgehen soll“, bekennt Boris Palmer. Als Beleg nennt er Stimmen aus seiner Umgebung, da hätten manche Leute auf einmal Bedenken: ob das nicht abschreckend auf die neuen Sympathisanten wirke, wenn sich - zum Beispiel - das grüne Spitzenpersonal wie gewohnt mit auf die Straßen vor Gorleben setze und so zur Gewaltdebatte einlade? Und könne die Partei jetzt eigentlich weiter für die Abschmelzung der Pendlerpauschale sein, obwohl unter den Neuen doch vielleicht viele Autofahrer sind? Palmer, ganz Realo, rät zur Flexibilität: „Ich möchte nicht aus der berechtigten Sorge, inhaltlich abzuflachen, von vornherein auf die Chance verzichten, dass die Grünen wesentlich stärker werden.“ Denn die Grünen müssten die Mehrheit ansprechen, sagt er - „und nicht ausschließlich eine avantgardistische Minderheit“.

          Nun muss man wissen, dass Palmer ein eigener Kopf ist. Und dass er auf dem Bundesparteitag der Grünen am kommenden Wochenende in Freiburg für einen Posten im Parteirat kandidiert, dem sechzehnköpfigen Spitzengremium, der in anderen Parteien dem Präsidium entspricht. Dass er also allen Grund hat, sich zu profilieren - und darum den mutigen Realo-Mann zu geben, der der Partei Wege in die Mitte der Gesellschaft zeigt. Und trotzdem: Palmer trifft einen überaus wunden Punkt. Denn nicht jeder in der Partei teilt seine Analyse. Fast hat es den Eindruck, als könnten die alten Kämpfe zwischen den beiden Parteiflügeln, zwischen Realos und Linken, bald wieder fröhliche Urständ feiern. Noch ist es nur so ein Grummeln. Alle haben Sorge, laut ausgetragene Konflikte könnten Wähler abschrecken. Dass ausgerechnet die Grünen sich in letzter Zeit so wenig streiten, dass ihre Parteispitze so harmonisch funktioniert, gilt als ein Grund für ihren gegenwärtigen Erfolg. Die Proteste in Gorleben wirkten zusätzlich verbindend.

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