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Umfrage unter Pneumologen : Lungenärzte für Luftreinhaltung – Grenzwerte aber umstritten

Verpestete Luft: Abgase strömen aus einem Auspuff eines Autos. Bild: dpa

Die Debatte über eine Stellungnahme von 100 Lungenärzten gegen Diesel-Fahrverbote erhitzt die Fachärzteschaft. Der Bundesverband der Pneumologen hat eine Blitzumfrage durchgeführt. Bei den geltenden Grenzwerten geht die Meinung auseinander.

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          Mit einer Online-Blitzumfrage hat der Bundesverband der Pneumologen, Schlaf- und Beatmungsmediziner (BdP) 1200 Mitglieder zur aktuellen Debatte über Luftschadstoffe und Grenzwerte befragt. Damit reagierte die Vereinigung auf eine Stellungnahme von knapp mehr als hundert Lungenfachärzten um den Sauerländer Professor Dieter Köhler, in denen die wissenschaftliche Begründung der geltenden Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub in Frage gestellt wird.

          Stefan Tomik

          Redakteur in der Politik.

          Das Thema wird im BdP hoch emotional diskutiert. Das zeigt die schnelle Reaktion vieler Verbandsmitglieder. Während die Antworten auf solche Umfragen in der Regel langsam eintröpfeln, beteiligten sich seit Donnerstagnachmittag schon mehr als 400 von 1200 Mitgliedern. Die große Mehrzahl der Pneumologen fordert saubere Luft für Atemwegserkrankte und Gesunde. Aber über die Grenzwerte gehen die Meinungen auseinander.

          Die Ergebnisse im Überblick:

          • Für 91 Prozent der befragten Pneumologen ist es selbstverständlich, dass zum Schutz der Patientinnen und Patienten und der Gesamtbevölkerung die Luftbelastung so weit wie möglich herabgesetzt werden sollte.
          • 85 Prozent der Pneumologen stimmen der Weltgesundheitsorganisation zu, die kürzlich neben dem Klimawandel auch die Luftverschmutzung zu den größten globalen Bedrohungen erklärt hat.
          • 86 Prozent stimmen zu, dass eine Diskussion über die Methodik von Studien zur wissenschaftlichen Evidenz von Luftschadstoffen nicht zu einer Bagatellisierung der Auswirkungen von Luftverschmutzung führen darf.
          • 96 Prozent finden, dass eine umstrittene Evidenz die politischen Entscheidungsträger dazu verpflichtet, die Verbesserung von Evidenz durch die Wissenschaft zu unterstützen.
          • 77 Prozent sind der Meinung, dass Stickoxide sogenannte Marker für schlechte Luft sind, also Indikatoren für Belastungen der Atemluft, die stellvertretend stehen für einen Cocktail an Luftschadstoffen, die in den mobilen Messstationen aber nicht gemessen werden können.

          Allerdings besteht auch unter den BdP-Mitgliedern Uneinigkeit über die geltenden Grenzwerte für Luftschadstoffe. Das zeigen die Antworten auf diese These: „Um unsere Atemwegspatienten bestmöglich zu schützen und die Gesundheitsrisiken der Gesamtbevölkerung zu minimieren, bin ich als Pneumologin/Pneumologe weiterhin für die Beibehaltung der bestehenden, politisch beschlossenen und gesetzlich festgelegten Grenzwerte.“ Der Aussage stimmten 47 Prozent der Befragten zu, 53 Prozent lehnten sie ab.

          „Atmen muss jeder 24 Stunden am Tag“

          Allerdings ist das Ergebnis wenig aussagekräftig, denn die Ablehnung kann verschiedene Gründe haben, wie aus den frei formulierten Kommentaren der Befragten hervorgeht. So halten manche die Grenzwerte für wissenschaftlich unbegründet oder gar falsch (zu niedrig). Mache hegen Zweifel an der politischen Entscheidungsfindung, oder sie befürworten eine weitere Verschärfung und Senkung der Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide.

          „Beim Thema saubere Atemluft und wie diese am besten erreichbar ist, wird hochemotional diskutiert“, teilte der BdP mit. „Zu Recht – denn atmen muss jeder 24 Stunden am Tag.“ Ein freiwilliger Verzicht wie zum Beispiel auf Zigaretten sei bei Feinstaub nicht möglich. „Für besonders verletzliche Gruppen wie Kinder, Schwangere, Ältere und atemwegskranke Patienten kann nur die niedrigst mögliche Belastung der Atemluft das Ziel sein.“ Die BdP nannte es „verstörend, wenn Ärzte nicht eindeutig für saubere Luft für Patienten und Gesunde eintreten“.

          Die Position der hundert Ärzte um Köhler steht in wesentlichen Teilen in deutlichem Widerspruch zu einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), deren Präsident Köhler von 2005 bis 2007 war. Der BdP, in dem vor allem niedergelassene Ärzte vertreten sind, unterstrich, dass „die wissenschaftsmethodologischen Einwände der jetzt oft zitierten ,106 kritischen Pneumologen‘ (die sich aus einer Befragung von über 4000 Mitgliedern der DGP zusammensetzen) nicht die Meinung „der deutschen Lungenärzte“ abbildet.

          Der BdP führt weiter aus: „Wir als Lungenärzte Deutschlands können nur maximale Anstrengungen zur Verbesserung der Luftqualität fordern. Mit welchen Methoden dies geschieht, ist ebenso wie die Grenzwerte eine rein politische Entscheidung. Dabei muss sich auch die Gesellschaft entscheiden, wie viel sie bereit ist für einen optimalen Gesundheitsschutz zu investieren. Als wenig hilfreich wird von vielen die alleinige Fokussierung auf Diesel, Fahrverbote oder Einzelschadstoffe wie NO empfunden. Wir alle müssen weiter denken!“

          Für die Online-Befragung wurden am 24. und am 25. Januar 1208 Mitglieder des BdP angeschrieben. Fast alle von ihnen sind zugleich Mitglied der DPG. Für die erste Auswertung lagen am Freitagnachmittag 435 Antworten vor. 93 Prozent der Befragten gaben an, dass sie aktuell berufstätig sind, davon 14 Prozent in einer Klinik und 86 Prozent in einer ambulanten Facharztpraxis.

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