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Flüchtlingsankunft in München : Zu Gast bei Freunden

Flüchtlinge warten vor dem Münchner Hauptbahnhof darauf, in einen Shuttle-Bus einsteigen zu können. Bild: dpa

Viele der Flüchtlinge, die in München aus dem Zug steigen, sind vor allem glücklich, es nach Deutschland geschafft zu haben. Noch am Bahnhof gibt es Verpflegung und auch ein freundliches Wort. Ein Augenzeugenbericht.

          Der junge Mann trägt eine Gitarre auf dem Rücken und eine rote Plastiktüte in der Hand, eine zusammengerollte Isomatte klemmt unter seinem Arm. Er sieht müde aus. Unsicher blickt er umher, dann wendet er sich an einen Polizisten. „Gleich gibt es zu essen und zu trinken“, sagt der Polizist. Der junge Mann ist am Vormittag dem Zug aus Wien entstiegen, jetzt steht er am Gleis 13 auf dem Münchner Hauptbahnhof. Mit ihm sind mehr als hundert weitere Flüchtlinge aus Syrien eingetroffen. Wie viele es sind? Niemand kann es genau sagen, die Reisenden wurden nicht registriert. Und auch in der bayerischen Landeshauptstadt muss improvisiert werden.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Die Menschen warten vor dem Bahnsteig und haben freie Sicht auf die Münchner Bahnhofsgastronomie. Leberkäs, Döner, Obst und Gemüse. „Gleich gibt es zu essen und zu trinken“, wiederholt der Polizist. Und dann sagt er einen Satz, der bei manchem Syrer für Erleichterung sorgt. „Sie sind keine Gefangenen, sie sind hier willkommen.“ Eine Frau mit Kopftuch hält ihr neugeborenes Kind im Arm. Sie spricht kein Englisch. Ein Dolmetscher übersetzt. „Draußen gibt es einen Rettungswagen und einen Arzt.“ Die Frau ist beruhigt. Nach gut zwanzig Minuten setzt sich der Tross in Bewegung, begleitet von einem Dutzend Polizisten. Alles ist ruhig.

          In der Nacht, als die ersten Züge den Bahnhof erreichten, hatten einige Flüchtlinge noch Sprechchöre angestimmt: „Germany, Germany“ und „We love Germany“ riefen sie in die Bahnhofshalle. Von „ruhig“ bis „euphorisch“ beschreibt ein Polizeisprecher die nächtliche Stimmung. Die meisten Flüchtlinge kommen in die Bayernkaserne.

          Die Asylsuchenden von Gleis 13 laufen in Flip-flops oder festem Schuhwerk, in T-Shrits oder in Winterjacken vorbei an den Zügen, aus denen Geschäftsreisende und Touristen steigen. Am Nordeingang des Münchner Bahnhofs ist der Taxistand abgesperrt. Hier stehen zwei Rettungswagen und mehrere Polizeiautos – für alle Fälle. Viele Flüchtlinge sitzen hier bereits auf dem Gehweg, im Schatten suchen sie Schutz vor der Hitze. Es ist heiß in der Mittagssonne, die Temperaturen klettern rasch über die 30 Grad-Marke. Polizisten und Rettungssanitäter verteilen Wasserflaschen.

          Ankunft am Hauptbahnhof München Bilderstrecke

          Einige Münchner Bürger bringen Kuchen, Äpfel und Süßigkeiten mit, andere auch Windeln und Baby-Nahrung. Die Stimmung ist friedlich. Zufrieden registriert ein Sprecher der Bundespolizei, dass die Improvisation bislang geglückt ist. „Alle helfen mit, und es gibt trotz der vielen Menschen überhaupt kein Chaos“, sagt er. Aus Ungarn erhält die Polizei dagegen die Nachricht, dass der Budapester Bahnhof geräumt worden sei, da die dortige Polizei dem Flüchtlingsansturm nicht mehr Herr werde.

          Medizinische Untersuchung in der Bahnhofshalle

          Hinter dem Taxistand in der Arnulfstraße warten Münchner Verkehrsbusse. Sie sollen die Flüchtlinge in die Erstaufnahmestelle in der Maria-Probst-Straße bringen. Seit Mitternacht seien etwa 1400 Flüchtlinge nach München gekommen, sagt der Polizeisprecher. In der Nacht zuvor waren es rund 800, die in einer Nebenhalle des Bahnhofs medizinisch untersucht und von der bayerischen Landespolizei registriert wurden. Das geht jetzt nicht mehr, zu groß ist der Andrang der Menschen, die mit Fernzügen von Ungarn über Österreich einreisen. „Die Registrierung kann auch später in der Erstaufnahmeeinrichtung erfolgen“, sagt der Polizeisprecher. Für Bürokratie, das könne er auch sagen, ist jetzt keine Zeit. Und die Fragen der Asylpolitik können auf dem Münchner Bahnhofsvorplatz schon gar nicht beantwortet werden. „Warum etwa in Wien niemand ausgestiegen ist oder aussteigen durfte, müssen die Kollegen in Österreich erklären.“

          Die Regierung von Oberbayern rechnet allein für diesen Dienstag mit gut 1000 Menschen, die aus Ungarn und Österreich nach München kommen werden. Mit der Bahn sei bereits über eine unbürokratische Handhabung der Weiterfahrt verhandelt worden, sagt eine Regierungssprecherin. München kann nicht für alle Neuankömmlinge die Endstation sein. „Wir müssen die Menschen hier zügig verteilen“, sagt der Sprecher der Bundespolizei. Der Zugverkehr am Hauptbahnhof läuft weiterhin reibungslos. Einige Umwege müssen die Reisenden wegen der Absperrungen in Kauf nehmen, das ist alles.

          Am Gleis 12 wird die Ankunft des nächsten Zuges angekündigt: Budapest-Keleti. Wie viele Menschen es sein werden? Ganz egal, könnte die unbürokratische Antwort aus München lauten. Es wird jedem geholfen.

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