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Hubschrauber NH90 : Der flügellahme Seelöwe

  • -Aktualisiert am

Auch die in den NH90 bisher eingebauten Sitze sind auf ein Gewicht von 110 Kilogramm begrenzt. Seit Jahresbeginn wird der NH90 in Afghanistan als Rettungs- und Begleitschutzhubschrauber verwendet. Durch die Gewichtsbeschränkung der Sitze drohte der Einsatz des Hubschraubers am Hindukusch zu scheitern.

Recherchen der F.A.S. haben ergeben, dass das Verteidigungsministerium daraufhin entschied, die Gewichtsbeschränkung der Sitze gegen die Empfehlung der zuständigen Prüf- und Zulassungsbehörde kurzerhand von 110 auf 150 Kilogramm heraufzusetzen. Die Wehrtechnische Dienststelle 61 (WTD) in Manching, die für die Zulassung von Luftfahrtgerät der Bundeswehr verantwortlich ist, hatte dieses Vorgehen mit dem Verweis abgelehnt, Sicherheit und Gesundheit der Soldaten seien gefährdet. Ein neuer Sitz dürfte Experten zufolge frühestens im Jahr 2018 geprüft und zugelassen sein. Dem Verteidigungsministerium zufolge sollen die ersten zwei „Sea Lion“ aber schon im Jahr 2017 bei der Marine eintreffen.

Eine weitere Kostenfalle für die Bundeswehr

Damit nicht genug: F.A.S.-Recherchen zeigen, dass der Wartungsaufwand beim „Sea Lion“ mindestens ebenso hoch ist wie beim veralteten „Sea King“. Die Kosten für eine Flugstunde für den im Heer als Transporthubschrauber eingesetzten NH90 betragen 26000 Euro. Der Aufwand, um den NH90 im Seeflugbetrieb einzusetzen, ist jedoch größer. Diese Erfahrung hat die französische Marine gemacht, auf deren NH90-Modell „Caiman“ der „Sea Lion“ basieren wird. Um die Korrosion metallhaltiger Bauteile in salzhaltiger Seeluft zu verhindern, müsse der Helikopter täglich mindestens vier Stunden gewartet werden, heißt es in einem Erfahrungsbericht der französischen Marine. Dies sei im Bordbetrieb unzumutbar, weil die Einsatzbereitschaft des Schiffes erheblich eingeschränkt werde. Der Hubschrauber sei mehr als die Hälfte der Zeit nicht verfügbar.

Bis zum Bundesverteidigungsministerium scheinen sich diese Erfahrungen noch nicht herumgesprochen zu haben. Ein Ministeriumssprecher äußerte gegenüber der F.A.S., der Zeitbedarf für die Reinigung des Helikopters von der Salzkruste bei vergleichbaren Marinehubschraubern werde mit maximal 30 Minuten angesetzt. Doch auch das deutsche Heer beklagt den Wartungsaufwand beim NH90. In einem internen Bericht aus dem Jahr 2010 heißt es, es würden bis zu 170 Wartungsstunden benötigt, um den NH90 für nur eine Stunde in die Luft zu bekommen. Die Industrie hatte der Bundeswehr versprochen, das Verhältnis von Flugstunde zu Arbeitsstunden werde bei eins zu zehn liegen.

Wie bei jedem großen Rüstungsprojekt der Vergangenheit droht die Bundeswehr auch mit dem Marinehubschrauber in eine Kostenfalle zu geraten. Wesentliche Bauteile und Zubehör fehlen, müssen teilweise erst entwickelt und nachgekauft werden. Marinefachleute schätzen die Zusatzkosten, um den Hubschrauber allein nur für den Seeflugbetrieb zulassen zu können, auf deutlich mehr als 25 Millionen Euro. Diese Kostensteigerung ist in dem Deal zwischen Ministerium und Eurocopter aber nicht berücksichtigt. In der Kostenobergrenze von 915 Millionen Euro, heißt es in dem Abkommen, sei „die Sicherstellung einer gegenüber heute höheren Verfügbarkeit“ enthalten.

Ein Hubschrauber, entgegnen Marineexperten, der aber in der vereinbarten Konfiguration für den Seeflugbetrieb gar nicht zugelassen werden kann, könne auch nicht verfügbar sein. Damit wäre das „Memorandum of Understanding“ hinfällig. Denn wenn eine der „vorstehenden Vereinbarungen nicht umsetzbar sein sollte“, entfaltet „die gesamte Vereinbarung keine Wirkung“. Die Konsequenz wäre, dass die Marine gar keinen Hubschrauber bekäme. In der Marineführung wird schon geprüft, ob der „Sea King“ doch noch einige Jahre länger geflogen werden kann.

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