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Hubschrauber NH90 : Der flügellahme Seelöwe

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Der Handel hat einen doppelten Haken. Es ist nicht nur so, dass sich Ministerium und Eurocopter de facto über das Ergebnis eines ordentlichen Ausschreibungsverfahrens hinwegsetzten und damit möglicherweise, wie der Bundesrechnungshof im Sommer bemerkte, wettbewerbswidrig handelten. Die Marine soll nun auch einen Hubschrauber bekommen, dessen Leistungsvermögen noch deutlich hinter dem Angebot zurückbleibt, das Eurocopter im Jahr 2011 abgegeben hatte. Im „Memorandum of Understanding“ ist ausdrücklich von einer in ihren Fähigkeiten reduzierten („downgraded“) Version die Rede – die allerdings mit 51 Millionen Euro pro Hubschrauber weit teurer ist als der besser ausgerüstete NH90 der französischen Marine („Caiman“). „Eurocopter hat geschickt verhandelt“, sagt ein Beamter, der seit Jahrzehnten mit der Beschaffung von Hubschraubern in der Bundeswehr vertraut ist. „Sie verdienen zwar nicht am Verkauf, dafür aber umso mehr an der Ausstattung des Hubschraubers.“

Die Marineführung hätte deshalb allen Grund gehabt, gegen den ministeriellen Deal zu rebellieren. Inspekteur Axel Schimpf aber tat etwas anderes. Er strich einfach mehrere Anforderungen, die der Hubschrauber ursprünglich erfüllen sollte. Dem Verteidigungsausschuss erläuterte er im Beisein von Minister de Maizière, dass der Helikopter nunmehr vollumfänglich den Anforderungen der Marine genüge.

Kein guter Ersatz für den „Sea King“

Auf einmal, so begründete Schimpf seinen Sinneswandel, sollte der Marinehubschrauber nicht mehr an Bord von Fregatten eingesetzt werden. Auch von Überwasser- und U-Boot-Abwehr war nicht mehr die Rede. Im August berichtete die F.A.Z., die Marine erhalte einen Hubschrauber, der ihre Anforderungen nicht erfülle. Darauf reagierte das Verteidigungsministerium mit einer vierseitigen Pressemitteilung, in der geäußert wird, die in dem Artikel dargelegten Sachverhalte seien überholt. „Für das Beschaffungsprogramm NH90 gelten die aktuellen Aufgaben des ,Sea King‘ als Maßstab“, heißt es in der Pressemitteilung. Der NH90 soll also den „Sea King“ ersetzen. Doch nicht einmal das kann er vollumfänglich.

Zu den wesentlichen Aufgaben des „Sea King“ zählen die Seeraumüberwachung als Bordhubschrauber des Einsatzgruppenversorgers, die zivile Seenotrettung und das Boarding. Beim Boarding seilen sich Soldaten von einem Hubschrauber auf ein Schiff ab, um es nach Waffen zu durchsuchen oder um Geiseln zu befreien. Als im April 2009 der deutsche Frachter „Hansa Stavanger“ am Horn von Afrika von Piraten entführt wurde, scheiterte eine Befreiungsaktion durch Spezialkräfte auch deshalb, weil die Bundeswehr nicht über die dafür notwendigen Hubschrauber verfügte. Ein Boardingteam umfasst in der Regel zwölf bis 16 Mann, deren Einsatz häufig schnell und überraschend erfolgt. Der NH90 „Sea Lion“ aber ist derzeit für den Einsatz eines Boardingteams nicht geeignet. Das liegt an der Konstruktion der Zelle.

Außenbords ist ein Seil angebracht, an dem sich die Soldaten, wie an einer Perlenschnur, auf ein Schiff hinunterlassen. Der Vorgang, bei dem Soldaten von einem schwebenden Hubschrauber aus das Deck eines verdächtigen Schiffes entern, wird „Fast Roping“ genannt. Die Soldaten sind mit einer Schutzweste, einem Helm, Waffen, Munition und Funkgeräten ausgerüstet. Die Bundeswehr hat im vergangenen Jahr untersucht, wie viel Kilogramm das durchschnittliche Gewicht eines deutschen Soldaten samt Ausrüstung beträgt. Das Ergebnis widersprach allen bisherigen Annahmen. Bis dahin war die Bundeswehr davon ausgegangen, die Soldaten seien nicht schwerer als 110 Kilogramm.

Gewichtsbeschränkung gefährdet die Sicherheit

Nun hat sich herausgestellt, dass ihr Gewicht bei etwa 130 Kilogramm liegt. Die Konsequenzen sind erheblich. Der Galgen, an dem das Seil zum „Fast Roping“ befestigt ist, wurde im Laderaumboden und an der Decke des Hubschraubers verankert. Er ist in der Zelle so angebracht, dass nur ein Soldat an dem Seil hängen darf, der nicht mehr als 110 Kilogramm wiegt. Voll ausgerüstete Soldaten mit einem höheren Gewicht dürfen sich vom NH90 also nicht abseilen, ohne Gefahr zu laufen, wegen Materialbruchs auf das Schiffsdeck zu stürzen.

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