https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/hubert-aiwanger-ist-auf-twitter-unter-beschuss-18354542.html

Twitter-Posse : Lobt Aiwanger sich selbst unter falschem Namen?

  • -Aktualisiert am

Hubert Aiwanger im September in Nördlingen Bild: dpa

Der bayerische Wirtschaftsminister verbreitet auf Twitter Lob über sich. Angeblich kommt das von einem anderen Nutzer. Die Opposition fordert Aufklärung – im Netz gibt es Häme.

          2 Min.

          Der stellvertretende bayerische Ministerpräsident Hubert Aiwanger von den Freien Wählern muss sich eines schwerwiegenden Verdachts erwehren: Betreibt er auf der Plattform Twitter-Accounts unter falschem Namen, die er dazu verwendet, sich selbst zu huldigen? Ist er vielleicht gar nicht so beliebt beim Volk wie es scheint?

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Aber der Reihe nach: Die Woche klang zunächst ganz nach dem Geschmack Aiwangers aus. Der bayerische Wirtschaftsminister und Waldfachmann gab, offenbar im Fond eines Autos sitzend, „Bild TV“ ein Interview, in dem er mal wieder „Klartext“ redete, zum Beispiel über die Sabotage an den Pipelines und über Lösungen für die Energiekrise. Viele Leute kauften sich nun Brennholzöfen, äußerte Aiwanger, „und sagen, ja hoffentlich werden uns die nicht auch noch verboten, weil einige Pfosten in Brüssel hier beschlossen haben, dass auch Brennholz in Frage gestellt werden soll“.

          Abgesehen davon, dass es sich bei den „Pfosten“* unter anderem um EU-Abgeordnete von Aiwangers Koalitionspartner CSU handelt, was die Wortwahl etwas unfein erscheinen lässt, gab es auf Twitter inhaltliche Kritik an Aiwangers Äußerungen, pointiert vorgetragen. Ein junger Mann, der sich selbst auf Twitter als Klimaforscher präsentiert, schrieb dort, Aiwanger haue auf Bild TV „einen Quatsch nach dem nächsten raus“.

          Das wollte der Minister offenbar nicht auf sich sitzen lassen und konterte mit einem irritierenden Tweet: „Herr Aiwanger, wir bräuchten mehr Politiker wie sie, mit Verstand und Pragmatik. Mit dem Ohr am Bürger. und nicht wie viele andere weltfremd im Wolkenkuckucksheim! Sie sind ein Kämpfer und haben sich ihren Posten als bayr. Wirtschaftsminister hart erarbeitet gegen Widerstände!“

          Augenscheinlich hatte Aiwanger den Tweet nicht selbst verfasst, sondern ein anderer User. Doch wer? Dass es mit der Kommasetzung in dem Tweet etwas hapert, könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Tweet authentisch ist und Aiwanger ihn bloß kopiert und weitergeleitet hat. Oder sollte die womöglich bewusste Schlampigkeit bloß diesen Eindruck erwecken? Jedenfalls hagelte es auf Twitter sogleich Vorwürfe und Häme: Betreibt der stellvertretende Ministerpräsident etwa Fake-Accounts, um sich selbst zu rühmen (oder gar, noch schlimmer, sich über Ministerpräsident Markus Söder lustig zu machen), und hat im Eifer des Gefechts vergessen, auf welchem Account er sich gerade befindet?

          Aiwanger zitiert Churchill

          Es wäre nicht das erste Mal, dass Aiwanger im Umgang mit der Plattform die Orientierung verliert. Am Tag der Bundestagswahl hatte er während der laufenden Stimmabgabe Zahlen aus einer angeblichen Nachwahlbefragung auf Twitter verbreitet – verbunden mit dem Aufruf, die „letzten Stimmen“ noch seiner Partei zu geben. Wenige Minuten später war der Tweet wieder gelöscht, Aiwanger bat um Verzeihung.

          Nun jedoch ging er zum Gegenangriff über. Er teilte einen Screenshot des Lobtweets, der demnach von einem „Peter Müller“ am 29. September abgesetzt wurde. Dazu schrieb Aiwanger: „Damit es jetzt alle kapieren können die es kapieren wollen, wo der Text herkommt. Viele von denen, die mir einen Zweitaccount andichten wollen haben wahrscheinlich selbst einen. Ich hab keinen.“ (sic)

          Was er nicht erklärte: Warum er das Lob überhaupt öffentlich gemacht hat, warum ohne Urheber – und wer Peter Müller ist. Das zum Beispiel interessiert den Vorsitzenden der bayerischen Grünen, Thomas von Sarnowski. Der twitterte: „Die Menschen in Bayern haben ein Recht zu erfahren, in welchem Verhältnis Hubert Aiwanger zu Peter Müller steht. Er sollte sich dazu erklären.“

          Ob die Wahrheit je ans Licht kommen wird, ist so ungewiss wie die Urheberschaft der Sabotage in der Ostsee. Über die sagte Aiwanger in „Bild TV“ etwas, was auch für seinen Twitteraufreger unbedingt in Betracht gezogen werden sollte: „Ich glaub Churchill hat mal gesagt, man muss alle Argumente zusammenzählen, und wenn man meint, genauso muss es gewesen sein, dann nimm genau das Gegenteil an, dann liegst du richtig.“

          *In einer früheren Fassung war das Wort falsch zitiert.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Fachkräfte für Fachkräfte: Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD, links), Innenministerin Nancy Faeser (SPD), Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) stellen die Eckpunkte zur Fachkräfte-Einwanderung vor.

          Kampf gegen Fachkräftemangel : Einen Schritt nach vorn, zwei zurück

          Die Ampelkoalition geht jetzt in die richtige Richtung, um Fachkräfte anzuwerben. Doch was sie aufbaut, reißt sie mit anderen Elementen ihrer Migrationspolitik wieder ein.
          Christiane Hörbiger, hier eine Aufnahme aus dem September 2013, ist am Mittwoch im Alter von 84 Jahren gestorben.

          Christiane Hörbiger gestorben : Mit einem Schuss Bitterkeit

          Christiane Hörbiger entstammte einer bedeutenden Schauspielerfamilie. Bekannt wurde sie einem breiten Publikum mit tragenden Rollen in Fernsehserien. Jetzt ist sie gestorben.
          Das Reifenlager von Continental in einem Logistikzentrum Isernhagen bei Hannover.

          Nach Cyber-Attacke : Conti und KPMG spüren den Hackern nach

          Mit Hilfe externer Spezialisten analysiert der Autozulieferer das Ausmaß seines Datenlecks. Aufsichtsrat und Behörden machen Druck – und die Angreifer melden sich mit neuen Forderungen.
          Ihr Auftritt als Schiedsrichterin tut der WM gut: Stéphanie Frappart

          Alles außer Fußball : Es ist Zeit für Stéphanie

          Die französische Schiedsrichterin Stéphanie Frappart wird das Spiel Costa Rica gegen Deutschland pfeifen. Das solle nichts Besonderes sein, sagt sie. Und doch ist es das.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.