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Aiwanger zum „Kuhfladenstreit“ : „Ich kann die Kühe nicht auf die Weide fliegen“

  • -Aktualisiert am

„Die Situation ist ideal für Fotos“, hieß es von Hubert Aiwangers (Mitte) Büro zu seinem Besuch in Pähl, dem Schauplatz des „Kuhfladenstreits“, am Montag. Bild: dpa

Ein Bauer im oberbayerischen Pähl soll ein Bußgeld zahlen, weil seine Kühe zu viele Fladen auf der Straße hinterlassen haben. Bayerns Wirtschaftsminister Aiwanger zeigt sich empört – und macht sich vor Ort ein Bild von der Lage.

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          In Bayern passiert selbst in der Sommerpause so viel, dass man als Berichterstatter wünschte, man könnte sich zerreißen. Zum Beispiel am Montag. Da hatte der neue CSU-Generalsekretär Martin Huber zu einer „Informationsfahrt“ eingeladen.

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Das Programm klang verführerisch: „Der Tag startet mit einer exklusiven Besichtigung des Wasserkraftwerks Töging. Anschließend kehren wir für ein Mittagessen und Hintergrundgespräch in Raspl’s Genuss-Schmiede ein. Danach werden Sie in der Bischöflichen Administration durch den Altöttinger Bürgermeister und den Stadtpfarrer samt Museumsführung begrüßt.“

          100 Euro Bußgeld wegen der Fladen

          Doch die Konkurrenz für die CSU war diesmal extrem stark. Denn Hubert Aiwanger, bayerischer Wirtschafts- und Energieminister von den Freien Wählern, schickte sich just an dem Tag an, in den „Kuhfladenstreit“ einzugreifen. Was war passiert?

          Nun, ein Bauer in der oberbayerischen Gemeinde Pähl hatte seine Kühe auf die Weide getrieben, wobei diese angeblich so massive Fladen auf der Straße hinterließen, dass sich ein Anwohner bei den Behörden beschwerte; er soll sich mit seinem Kinderwagen im Dung festgefahren haben. Folge: Dem Bauer wurde von der Gemeinde ein Bußgeld von 100 Euro aufgebrummt, samt 28,50 Euro Bearbeitungsgebühren.

          Auch im Gemeinderat gab es daran Kritik. Es wurde die Befürchtung geäußert, die Strafe könnte „zugezogene Bürger“ motivieren, gegen weitere Besonderheiten des dörflichen Lebens wie etwa das Krähen von Hähnen vorzugehen.

          Für solche Fälle hat Aiwanger ein Näschen. Schon vor einem Jahr nutzte er die Sommerpause, um den Schutz regionaltypischer Gerüche und Geräusche zu fordern – zuletzt mündete das in einer Bundesratsinitiative. Die Duftmarke in der Kuhfladen-Causa setzte der Diplom-Agraringenieur nun zielsicher im „Bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblatt“.

          „Das passiert eben, dass die Kuh auf die Straße scheißt“

          Am Sonntag, so Aiwanger, würden Lobesreden auf die Landwirtschaft gehalten, am Montag dann werde „der Landwirt verknackt, wenn die Kuh auf die Straße scheißt“. Natürlich müsse der Bauer die Fladen schnell entfernen. Aber diese gehörten in Gebieten, in denen Kühe noch auf die Weide getrieben werden, eben dazu.

          Aiwanger hob gewohnt bildmächtig hervor: „Ich kann die Kühe halt nicht mit dem Hubschrauber auf die Weide fliegen und ihnen auch keine Windel anlegen. Das passiert eben, dass die Kuh auf die Straße scheißt.“

          Dermaßen unvoreingenommen machte er sich dann am Montag an Ort und Stelle selbst ein Bild von der Lage. Die Bedingungen für die Berichterstattung waren großartig. Jedenfalls hatte Aiwangers Ministerium mitgeteilt: „Es kann vor Ort geparkt werden, es gibt direkt neben der Kuhweide Sitzgelegenheiten und einen kleinen Imbiss. Die Situation ist ideal für Fotos.“

          Die F.A.Z. entschied sich trotzdem für die Informationsfahrt mit CSU-Mann Huber, aber erst nach der Zusicherung von Aiwangers Mitarbeiter, dass ein Telefonat mit dem Minister zu seinen von der Kuhweide mitgebrachten Erkenntnissen oder die Zusendung eines Mitschnitts seiner Ansprache auf jeden Fall möglich sei.

          Davon abgesehen haben auch CSU-Generalsekretäre zum Thema Kühe etwas zu sagen. Im Bundestagswahlkampf hatte Hubers Vorvorgänger Markus Blume einen Kuhkopf in Nahaufnahme plakatieren lassen – jedoch: ohne Erfolg. Auch die Rückmeldungen der Parteibasis waren schlecht.

          Ja hat denn die CSU den Kontakt zum Landleben verloren? Der christlich-sozialen Landwirtschaftsministerin und Gastwirtstochter Michaela Kaniber wird man das kaum vorwerfen können. Auf Anfrage sprang sie Aiwanger in der Sache bei: „Wer Kühe auf der Weide will – und das wollen wir wohl alle – der muss auch akzeptieren, dass Kühe über die Straße müssen.“

          Sie ließ allerdings auch anklingen, dass sie Aiwangers Prioritäten für fragwürdig hält: „Nach unseren Beobachtungen beschäftigt die Bevölkerung und die Landwirtschaft aber viel mehr, welchen Beitrag unsere Bäuerinnen und Bauern zur Bewältigung der Hungerkrise und der Energiekrise leisten können.“

          Aiwanger ließen solche Einwände auf der Kuhweide kalt. Auf die Frage, warum er als Energieminister sich mit der Fladenfrage beschäftige, antwortete er: „Kuhdung ist biogasfähig.“ Eine Lösung für den Streit hatte er auch parat: Derjenige, der sich beschwert habe („ein Zugezogener, soll nichts heißen“), solle eine Schaufel in die Hand nehmen und den Kuhmist zum Düngen in seinen Garten bringen.

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