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Horst Seehofer : Karikatur eines Kanzlerinnenvernichters

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Horst Seehofer bei einer Wahlkampfveranstaltung in Ludwigshafen: Niemand ist in Sicht, der die CSU so wie Seehofer zusammenhalten und ihren Regierungsanspruch verkörpern könnte. Bild: dpa

„Nächste Frage“: Aus Horst Seehofers Äußerung zur Zukunft Angela Merkels spricht die Furcht vor einem Wahldebakel am Ende seiner Ära.

          Es liegt nicht einmal ein Jahr zurück, dass Horst Seehofer den Unionsparteien eine goldene Zukunft prophezeite. Er sah für CDU und CSU eine eigene Mehrheit am Horizont – vorausgesetzt, Angela Merkel trete bei der nächsten Bundestagswahl nochmals an. Seehofer spannte einen gewaltigen historischen Bogen, vom Jahr 1957, als die Union mit Konrad Adenauer eine absolute Mehrheit errang, bis zum Jahr 2017. Seehofer wollte, wenn schon nicht Kanzler, dann Kanzlerinnenmacher sein – einer Kanzlerin, wie sie die Republik seit Adenauer nicht gesehen hatte.

          Seit dem Zerwürfnis mit der CDU-Vorsitzenden über die Flüchtlingspolitik wird Seehofer als Kanzlerinnenvernichter karikiert. Seine jüngsten Äußerungen passen zu solchen Bildern. Auf die Frage der Zeitschrift „der Spiegel“, ob die CSU Merkel im nächsten Jahr als Kanzlerkandidatin unterstützen werde, wenn sie bei ihrem Kurs bleibe, antwortete Seehofer: „Nächste Frage.“ Wie immer bei Seehofer folgte gleich eine Relativierung; es gebe keine personelle Alternative für die Union zu Merkel. Es wird eine leichte Übung für Seehofer sein, in den nächsten Tagen zu sagen, er werde wieder einmal böswillig missverstanden; niemand stehe so fest an der Seite Merkels wie er.

          Seehofer kann aber nicht groß missverstanden werden – zu offenkundig ist, was ihn umtreibt. Die goldene Zukunft, die er der Union vor einem Jahr prophezeite, war mit seinem eigenen Eintrag in die Geschichtsbücher verbunden: Mit einem Sieg der Union bei der Bundestagswahl wäre für die CSU die Landtagswahl 2018 ein Spaziergang geworden. Seehofer hätte sich, wie er angekündigt hat, als ein Mann aus der Politik zurückziehen können, welcher der CSU zumindest den Anschein des alten Glanzes zurückgebracht hat; vergleichsweise nachrangig wäre gewesen, wer dieses Erbe hätte antreten können.

          Das war der Seehofer des vergangenen Sommers, als er eine absolute Mehrheit der Union bei der Bundestagswahl in großen Lettern an den Berliner Himmel malte. Wie dem Seehofer dieses Winters zumute ist, zeigt, dass er auch seinen Rückzug 2018 in Frage stellt. Und das in einer Weise, die einer weiten Auslegung zugänglich ist: Er wolle, dass die CSU mit dem Kandidaten in die Landtagswahl gehe, der die besten Chancen habe. Es ist ein Satz, der aus der Sicht Seehofers wieder böswillig missverstanden werden kann, auch wenn er ganz einfach zu verstehen ist. Seehofer will in jedem Fall verhindern, dass sich das Ende seiner Ära mit einem Wahldebakel verbindet.

          Seehofers Dilemma

          Auch die CSU ist mittlerweile eine Partei, die mit jedem Prozentpunkt rechnen muss. Die glorreichen Zeiten, in denen es darum ging, ob nun eine Fünf oder eine Sechs an der ersten Stelle ihres Ergebnis stand, sind vorbei, von Edmund Stoibers Zweidrittelmehrheit im Landtag ganz zu schweigen.

          Die Landtagswahl 2013 brachte der CSU mit 47,7 Prozent der Stimmen zwar eine Mehrheit der Mandate im Maximilianeum – und damit eine Rückeroberung der absoluten Mehrheit, die sie 2008 verloren hatte, damals schon von den Freien Wählern und der FDP bedrängt. Das Verfolgerfeld ist seither mit der AfD noch größer geworden. Einige Prozentpunkte, welche die CSU an die AfD abgeben müsste, könnten ausreichen, das Ziel einer eigenen Mehrheit zu verfehlen.

          Es bedarf keiner Lupe, um Seehofers Dilemma zu erkennen: Bei der Landtagswahl 2018 wäre er 69 Jahre alt und es wäre angesichts seiner gesundheitlichen Vorbelastungen damit hoch an der Zeit, die Verantwortung in jüngere Hände zu geben. Andererseits ist niemand in der CSU zu sehen, der die Partei so wie Seehofer zusammenhalten und ihren Regierungsanspruch verkörpern könnte. Markus Söder, der sich müht, sein quecksilbriges politisches Naturell mit staatsmännischer Patina zu übertünchen, ist weit davon entfernt; andere wie Ilse Aigner oder Manfred Weber sind noch weiter entfernt.

          Notszenarien in der CSU

          Angesichts dieser Lage kursieren in der CSU schon Notszenarien, die Ära Seehofer über 2018 hinaus zu verlängern; dass Seehofer sagt, das sei „jetzt kein Thema“, befeuert die Spekulationen noch. Seehofer könnte dann in der Mitte der nächsten Legislaturperiode abtreten – für die CSU wäre die Chance damit verbunden, dass noch weitere personelle Optionen geöffnet werden könnte, mit Blick auf die Generation nach Söder und Aigner. Die Frage ist nur, ob Seehofer die Kraft hat, so lange in seinen Ämtern zu bleiben, bis die politischen Enkel ihm nachfolgen können.

          Gegenwärtig erweckt er allerdings den Eindruck, als sei sie schon erschöpft. Es rächt sich, dass Seehofer nie groß auf ein Netzwerk aus Beratern und Mitarbeitern vertraut hat. Er ist sein eigener Sprecher, der es aber längst aufgegeben hat, für seine Politik zu werben und sie zu erläutern; seine nicht endend wollende Klage über „die Medien“, die ihm immer Falsches unterstellten, ist die Folge.

          Er ist sein eigener Planungsstab; weit und breit ist niemand, der ihn vor einem Missgriff wie der Aufwartung bei Wladimir Putin bewahren könnte. Und er ist sein eigener Biograf, der schon an seinem Bild für die Nachwelt arbeitet. Wenig verwunderlich ist bei all den Seehofers, die er gibt, dass schon jeder für sich nicht den Anschein abstreifen kann, seiner Last überdrüssig zu sein.

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