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Horst Seehofer : Der Nebenkanzler

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Der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer - groß inszeniert: Ganz klein ist die Partei, wenn er nicht spricht. Bild: dpa

In der Abenddämmerung der Ära Seehofer ist die CSU mal ganz groß, mal ganz klein. Der „Mythos“ der Christsozialen, den der Vorsitzende auf dem Parteitag in Nürnberg beschwor, erschöpft sich in seiner Person.

          Einen herrlichen Parteitag hat die CSU in Nürnberg erlebt. Er war wieder da, er hat zu ihr gesprochen, er hat ihr den Weg gewiesen: Horst Seehofer. Ihn als Vorsitzenden der CSU zu bezeichnen, griffe zu kurz. Seehofer ist die CSU, die CSU ist Seehofer. Nie war das stärker zu spüren als vor dem Parteitag, als Seehofer durch eine Krankheit zur Sprachlosigkeit verdammt war. Schneller, panischer, peinlicher hat kaum eine Partei ihren Kurs korrigiert als die CSU in der Frage, wie Einwanderer sich sprachlich in Deutschland integrieren sollen.

          Zunächst machte sie sich ganz groß mit der Forderung, wer dauerhaft in Deutschland leben wolle, solle dazu „angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie deutsch zu sprechen“. Auf dem Parteitag wurde sie ganz klein mit dem Beschluss, Einwanderer sollten „motiviert werden, im täglichen Leben deutsch zu sprechen“.

          In der Abenddämmerung der Ära Seehofer ist die CSU mal ganz groß, mal ganz klein. In Nürnberg musste es für den Parteitag eine riesige Messehalle sein mit weitläufigen Foyers und Nebenräumen auf mehreren Etagen, als tagten die Vereinten Nationen. Ein Forum zur Außen- und Sicherheitspolitik wurde simultan übersetzt, um jeden Verdacht zu zerstreuen, der Horizont der CSU ende am Bayerischen Wald. Wichtiger als die Kärrnerarbeit der Antragsberatung war das Schaulaufen gewichtiger Gäste. Kaum hatte der neue Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, gesprochen, stand schon die Kanzlerin Angela Merkel am Rednerpult. Juncker quittierte die bemühte Inszenierung von Größe mit Luxemburger Sarkasmus. Er knie immer dreimal vor Seehofer nieder: „Das mag er.“

          Für klare Fronten

          Ganz groß ist die CSU, wenn Seehofer spricht. Er ist nicht nur Ministerpräsident in Bayern, sondern – zumindest in seiner Eigenwahrnehmung – Nebenkanzler in Berlin. Stolz breitete er auf dem Parteitag aus, was er alles der Republik beschert hat: Mütterrente, Betreuungsgeld und bald auch die Maut auf Autobahnen. Nicht zu vergessen die kalte Progression bei der Einkommensteuer, die im Seehofer-Föhn schmelzen soll wie Schnee auf der Zugspitze. Fast müßig zu erwähnen, dass Seehofer sich auch als Nebenvorsitzender der CDU sieht, der er Beine macht.

          Als bescheidene Ziele nannte er Ministerpräsidenten mit CDU-Parteibuch in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sowie eine eigene Mehrheit der Union bei der Bundestagswahl 2017 – mit zweiten Plätzen gibt sich Pep Seehofer, der Meistertrainer aus Ingolstadt, nicht zufrieden.

          Ein bisschen strategisch dürfe schon gedacht werden, spottete er über die Kleinherzigen in der CDU, denen im eigenen Strafraum die Füße einschlafen. Sein Appell, der „Frontverlauf“ mit der Möglichkeit einer rot-rot-grünen Koalition in Berlin nach Thüringer Vorbild sei „hoffentlich“ allen klar, sprach Bände darüber, was er von der Schwesterpartei hält.

          Ganz klein ist die CSU, wenn Seehofer nicht spricht. In den Tagen vor dem Parteitag konnten seine Hilfskräften gar nicht schnell genug den Zeigefinger einziehen, den sie zur Sprachpflege erhoben hatten. Keiner wollte die Urheberschaft für die Formulierung, Einwanderer zum Deutschsprechen in der Familie „anzuhalten“, für sich reklamieren. Generalsekretär Andreas Scheuer murmelte nur, der Leitantrag sei von einem „Team aller“ verfasst worden. Also von einer Art CSU-Schwarmintelligenz.

          Tour de Horst

          Ein netter Einfall Scheuers, nur leider falsch: Bei der CSU ist nicht das „Team aller“ am Werk, auch nicht eine Schwarmintelligenz oder, wie sie früher hieß, der Weltgeist. Sondern Horst Seehofer. Er lässt die Luft aus seiner Partei, um sie dann wieder aufzupumpen. Wehrpflicht, Atomenergie, Studiengebühren, Donauausbau, Windräder – wofür haben die lokalen CSU-Matadoren nicht schon gestrampelt, bis Seehofer am Ventil hantierte, zum großen „Pfffft!“. Wer bei der Tour de Horst nicht ununterbrochen auf den Spitzenmann schaut – ob er gerade eine Reform des achtjährigen Gymnasiums ablehnt oder sie schon wieder befürwortet (oder beides, mit einem G 8,5, das als „Mittelstufe plus“ verkauft wird) – der steigt über den Lenker ab.

          Ganz groß, ganz klein: In einer CSU-Vorstandssitzung vor dem Parteitag, an der Seehofer wegen Krankheit nicht teilnehmen konnte, soll es zugegangen sein wie in einer Sexta, deren Lehrer fehlte. Die Vertretungskraft, die stellvertretende CSU-Vorsitzende Barbara Stamm, wusste sich nicht anders zu helfen, als besonders Ungebärdigen zu drohen, sie auseinanderzusetzen. Es war ein Vorgeschmack darauf, was der Partei bevorstehen könnte, wenn Seehofer abtritt. Der „Mythos“ der CSU, den Seehofer in Nürnberg beschwor, erschöpft sich in seiner Person. Wie sehr die Partei auf ihn ausgerichtet ist, zeigte sich, als der rechtzeitige Beginn seiner Rede in Frage stand. Kurzerhand wurde das Gros der Anträge von der Tagesordnung genommen; die Delegierten fügten sich, wenn auch murrend. Es war eine Kapitulation einer Partei, die sich ganz klein gegenüber ihrem ganz großen Vorsitzenden wähnt.

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