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Horst Köhler : Der Unbefangene

  • -Aktualisiert am

Köhler: Der richtige Mann für das (für ihn) falsche Amt? Bild: dpa

Horst Köhler ist mit anderem Rüstzeug ausgestattet als die bisherigen Bundespräsidenten. Kein Parteipolitiker, sondern Wirtschaftsfachmann betrachtet er dies als Chance, unbelastet an seine neue Aufgabe heranzugehen.

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          Sechs Wochen sind es noch bis zur Wahl des neuen Bundespräsidenten durch die Bundesversammlung. Bis zum 23. Mai hat Horst Köhler, seit Anfang März gemeinsamer Kandidat von CDU, CSU und FDP, einen dicht gefüllten Terminkalender abzuarbeiten. Auf ihm wechseln Termine in Washington, wo er sich als ehemaliger Präsident des Internationalen Währungsfonds am Ostermontag von seinen 3000 bisherigen Mitarbeitern verabschiedet hat, mit Verabredungen in Deutschland.

          Köhlers Auftritte zu erleben bleibt zumeist denen vorbehalten, die ihn wählen sollen: den Gremien der drei Parteien, von denen er nominiert wurde, den Fraktionen und Landesgruppen des Bundestages und der 16 Landtage. Damit entspricht der Kandidat den politischen Vorgaben, die sich aus der Verfassung ergeben. Sie will keine Volkswahl des Staatsoberhauptes, sondern seine Wahl durch die Bundesversammlung. Die Öffentlichkeit wird erst dann ins Zentrum seiner Aufmerksamkeit rücken, wenn er gewählt ist.

          Einfluß auf internationale Finanzpolitik

          Was für ein Mann ist der mutmaßliche nächste Bundespräsident? Seinem Werdegang und seiner Prägung nach jedenfalls ein anderer als seine Vorgänger. Die waren alle Angehörige der politischen Klasse. Das galt für den noch in der Weimarer Republik verwurzelten ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss ebenso wie für alle, die ihm folgten: Heinrich Lübke, Gustav Heinemann, Walter Scheel, Karl Carstens, Richard von Weizsäcker, Roman Herzog und selbstredend Johannes Rau. Sie alle prägte die politische Karriere, die sie durchliefen und die im Amt des Bundespräsidenten ihren krönenden Abschluß fand.

          Bei Horst Köhler liegen die Dinge anders. Er hat nicht die Karriere eines Parteipolitikers durchlaufen, sondern die eines Wirtschaftsfachmanns. Sie führte den promovierten Diplomvolkswirt steil nach oben, zunächst als Beamten, dann als Banker. Im Bundesfinanzministerium stieg er bis in die Position des beamteten Staatssekretärs auf, die er 1993 verließ, um Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes zu werden. 1998 wechselte er in das Amt des Präsidenten der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London und von dort im Mai 2000 an die Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF).

          Als geschäftsführender Direktor des IWF hatte Köhler Einfluß auf die internationale Finanzpolitik, auf globale Finanzströme und die wirtschaftliche Entwicklung ganzer Länder. 2002 entschied er zum Beispiel, Brasilien und die Politik seines Präsidenten Lula da Silva mit einem Kredit über 30 Milliarden Dollar zu stützen. Die Türkei bewahrte er im selben Jahr mit einem 16-Milliarden-Dollar-Kredit vor der Gefahr des Staatsbankrotts. Eine solche Stellung preiszugeben für die Kandidatur zum Amt des Bundespräsidenten ist nichts weniger als selbstverständlich.

          Sicht Deutschlands "von außen"

          Von gewichtigen Entscheidungen sind die Möglichkeiten des Bundespräsidenten in Berlin weit entfernt. Es ist ein Amt der Repräsentation und der Rede. Die Pflicht zu repräsentieren war bisher allenfalls eine Begleiterscheinung von Köhlers Funktionen, nicht ihr wesentlicher Inhalt. Auch das Wirken durch das Wort - die einzige öffentliche Einflußmöglichkeit, die das Grundgesetz dem Bundespräsidenten beläßt - war bisher nicht Köhlers wesentlichstes Gestaltungsmittel. Er war vor allem ein Mann der Tat.

          Seine Entscheidungen fielen in der Regel jenseits der öffentlichen Wahrnehmung. Nun wird er darauf verwiesen sein, öffentlich aufzutreten und zu überzeugen, so er etwas bewegen will. Das künftige Amt beschränkt ihn darauf, Anstöße zu geben und die öffentliche Meinungsbildung zu beeinflussen. Die direkte Aktion bleibt ihm künftig vorenthalten. Sie ist Sache der aktiven Politiker. Deshalb erscheint es eher erstaunlich, daß er bereit war, aus der Rolle des internationalen Bankiers in die des Repräsentanten seiner Nation zu wechseln.

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