https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/homosexuelle-angestellte-plant-die-kirche-eine-reform-17749044.html

Homosexuelle Angestellte : Plant die katholische Kirche eine Reform?

  • -Aktualisiert am

Als Paar geoutet: Zwei kirchliche Mitarbeiterinnen am Montag vor einer Marien-Statue in Berlin Bild: dpa

Mehr als hundert kirchliche Mitarbeiter haben sich als queer geoutet. Sie fordern ein Ende der Diskriminierung. Eine entsprechende Reform des kirchlichen Arbeitsrechts wird nach F.A.Z.-Informationen schon vorbereitet.

          2 Min.

          In Deutschland wächst der Druck auf die katholischen Bischöfe, die arbeitsrechtlichen Bestimmungen für den Umgang mit queeren Personen zu reformieren. „Es darf nicht länger hingenommen werden, dass Menschen in kirchlichen Kontexten aus Angst gegenüber Kirchenvertreter*innen ein Schattendasein führen müssen, wenn sie nicht dem von der Kirche normierten Geschlechterbild entsprechen“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von mehr als zwanzig katholischen Verbänden, die am Montag veröffentlicht wurde.

          Thomas Jansen
          Redakteur in der Politik.

          Darin fordern sie, „dass Diskriminierungen und Ausgrenzungen, besonders im kirchlichen Arbeitsrecht, grundsätzlich unterbunden werden“. Sie verurteilen Homophobie und mahnen „eine Kultur der Diversität“ in der katholischen Kirche an. Unter den Unterzeichnern ist neben dem Präsidium des Zentralkomitees der deutschen Katholiken auch die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands, die rund 400.000 Mitglieder zählt.

          Anlass der Erklärung war eine bislang beispiellose Initiative von 125 haupt- und ehrenamtlichen sowie ehemaligen Mitarbeitern der Kirche, die sich am Montag unter dem Titel „#OutInChurch. Für eine Kirche ohne Angst“ auf einer Internetseite als queer geoutet haben. Nach kirchlichen Arbeitsrecht droht etwa Mitarbeitern, die in der Seelsorge oder in der Katechese, also der Glaubensvermittlung, tätig sind, die Kündigung, sobald sie eine gleichgeschlechtliche Ehe eingehen. Religionslehrer müssen in einem solchen Fall mit dem Entzug ihrer kirchlichen Lehrerlaubnis, der sogenannten Missio canonica, rechnen.

          „Kirchliche Arbeitgeber würden Prozesse verlieren“

          „Die Grundordnung des kirchlichen Arbeitsrechts kann in dieser Form keinen Bestand haben“, sagte der Tübinger Arbeitsrechtler Hermann Reichold der F.A.Z. „Die weltlichen Gerichte werden immer kritischer. Die kirchlichen Arbeitgeber würden immer mehr Prozesse verlieren“, so Reichold, der den Verband der Diözesen Deutschlands bei der geplanten Reform des kirchlichen Arbeitsrechts berät. „Die bisherige Verurteilung von Homosexualität wird aller Voraussicht nach bei der Reform des Arbeitsrechts wegfallen. Man wird dann wahrscheinlich einfach darüber hinweggehen“, sagte Reichold weiter. Geplant sei die Vorlage eines reformierten Arbeitsrechts noch für dieses Jahr. Die Deutsche Bischofskonferenz wollte das auf F.A.Z.-Anfrage nicht bestätigen.

          F.A.Z. Frühdenker – Der Newsletter für Deutschland

          Werktags um 6.30 Uhr

          ANMELDEN

          Die Bistümer wollen sich zumeist nicht konkret dazu äußern, wie sie mit Mitarbeitern umgehen, die etwa eine gleichgeschlechtliche Ehe eingegangen sind. Das Erzbistum München teilte auf F.A.Z.-Anfrage mit, es gebe „selbstverständlich auch queere Mitarbeitende“, zu Personalangelegenheiten äußere man sich jedoch grundsätzlich nicht. Aus dem Erzbistum Hamburg und dem Bistum Münster hieß es, es gebe keine Automatismen in solchen Fällen, es handle sich stets um Einzelfallentscheidungen. Unter den fünf angefragten Bistümern legte sich nur das Bistum Essen fest. Pastoralreferenten oder Lehrern, die eine gleichgeschlechtliche Ehe eingingen, hätten keine arbeitsrechtlichen Konsequenzen zu befürchten, teilte die dortige Pressestelle mit.

          „Kirche darf nicht benachteiligen“

          Die Bischöfe hatten das Arbeitsrecht angesichts eines wachsenden innerkirchlichen Drucks, aber auch einer zunehmenden Infragestellung durch zivile Gerichte zuletzt im Jahr 2015 reformiert. Bis dahin wurde auch das bloße Zusammenleben mit einem gleichgeschlechtlichen Partner in etlichen Fällen mit einer Kündigung geahndet; zudem galten diese Bestimmungen auch für Mitarbeiter außerhalb von Seelsorge und Glaubensvermittlung, etwa in kirchlichen Krankenhäusern.

          Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) sagte am Montag: „Niemand darf wegen seiner oder ihrer sexuellen Identität benachteiligt werden. Bei allem Respekt vor dem kirchlichen Selbstbestimmungsrecht insbesondere im verkündungsnahen Bereich – dem muss auch die Kirche als einer der größten Arbeitgeber in Deutschland Rechnung tragen.“ Der Beauftragte der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt, Sven Lehmann (Grüne), sagte, er hoffe auf einen konstruktiven Dialog innerhalb der katholischen Kirche, um Gleichstellung und Akzeptanz aller Beschäftigten zu verwirklichen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ukrainische Flüchtlinge in Moldau : Dieser Krieg ist ein Fleischwolf

          Die Republik Moldau hat, gemessen an seiner Einwohnerzahl, das größte ukrainische Flüchtlingskontingent aufgenommen. Auch die Dichterin Vera Derewjanko wartet dort auf das Ende des Kriegs. Wir haben sie im Lager besucht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Immobilienbewertung
          Verkaufen Sie zum Höchstpreis
          Sprachkurs
          Lernen Sie Englisch
          Kapitalanlage
          Pflegeimmobilien als Kapitalanlage