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Homophobie in der Bundeswehr : „79 Zentimeter sind schwul“

Rosa Litze: Die Erkennungsfarbe der Panzertruppe bot früher häufig Grund für schlechte Witze über Homosexuelle Bild: picture-alliance/ ZB

Schwulsein war in der Bundeswehr ein Tabu. Inzwischen dürfen Soldaten sich „outen“, ohne aufs Abstellgleis geschoben zu werden. Bislang hat sich aber noch kein aktiver Spitzensoldat bekannt.

          Der geordnete Aufzug gehört zu den grundlegenden Fertigkeiten eines Soldaten. Rekruten lernen das Marschieren in den ersten Tagen. Sie saugen es sozusagen mit der militärischen Muttermilch auf. So wie manches andere auch. Soldaten, die den Gleichschritt in Formation üben, bekamen noch Ende der neunziger Jahre einen vielsagenden Spruch an den Kopf  geworfen, wenn die Abstände zwischen den Reihen ungleichmäßig wurden: „79 Zentimeter sind schwul, 81 Zentimeter sind Fahnenflucht“, rief mancher kleinere Dienstgrad dem Autor zu Beginn seines Wehrdienstes in einer Kaserne im Südwesten des Landes zu.

          Ähnliche Erzählungen waren jedes Wochenende in den Zügen zu hören, in denen damals tausende Rekruten durch die Republik fuhren. Kameraden im Stich lassen oder ihnen zu nahe kommen – damit waren die Todsünden des Soldatentums benannt. Dabei hatten Schwule unter den Rekruten einen schwereren Stand als Fahnenflüchtige. Um letztere kümmerte sich zwar die Militärpolizei. Ihnen blieben aber zumindest die Witze erspart, die unter Rekruten häufig zu hören waren.

          Welches Geschlecht deutsche Soldaten bei der Partnerwahl bevorzugen, war lange Zeit ein Einstellungskriterium. Wer schwul war oder lesbisch, wurde bis 1997 ausgemustert. Diejenigen, deren Schwulsein erst in der Truppe offiziell wurde, wurden aufs Abstellgleis geschoben. Beförderungen blieben aus. Wer Offizier werden wollte, dem blieb diese Laufbahn verwehrt. In den toleranteren Teilen der Truppe konnte unter dem Leitbild der Kameradschaft zwar auch mancher schwule Soldat mit seiner Neigung ohne Nachteile seinen Dienst verrichten. Gesprochen wurde über dieses offene Geheimnis dann aber wenig. Und wer hoch hinaus wollte, musste dennoch ständig fürchten, „enttarnt“ zu werden.

          Schwulen-Mobbing in der Truppe

          Prominentestes Opfer des Schwulen-Mobbings in der Bundeswehr wurde in den Achtziger Jahren Günter Kießling. Damals häuften sich Gerüchte, der ranghohe deutsche General in Nato-Diensten sei homosexuell. Belegen ließ sich das nie. Verteidigungsminister Manfred Wörner (CDU) aber entschied, Kießling vorzeitig in den Ruhestand zu schicken. Er sei erpressbar geworden. Erst im Jahr 2000 erstritt ein Oberleutnant vor dem Bundesverfassungsgericht, dass die Bundeswehr der Benachteiligung gleichgeschlechtlich lebender Soldaten ein Ende setzen musste.

          Winfried Stecher war von seiner Verwendung als Soldatenausbilder entbunden und zwangsversetzt worden. Zur Begründung hatte Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) gesagt, dass Homosexualität „erhebliche Zweifel an der Eignung“ begründe und eine Verwendung ausschließe, die „an Führung, Erziehung und Ausbildung von Soldaten gebunden“ sei. Das Gericht kippte diese Praxis. Scharping musste zurückrudern.

          „Wir behandeln alle Soldaten gleich“

          Seit dem Jahr 2000 nun regelt die Zentrale Dienstvorschrift (ZDv) 14/3, wie Bundeswehrsoldaten mit dem Thema Sexualität umzugehen haben. Toleranz und Diskriminierungsfreiheit gegenüber Homosexuellen sind seitdem in der Truppe Pflicht. „Wir behandeln alle Soldaten gleich, so wie es das Grundgesetz verlangt“, sagt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums gegenüber FAZ.NET. „Diskriminierung wird in der Bundeswehr nicht gestattet.“

          Für die zunehmende Toleranz gegenüber Homosexuellen in der Truppe sprechen auch andere Indizien. Seit über zehn Jahren gibt es einen Arbeitskreis homosexueller Angehöriger der Bundeswehr (AHsAB), dessen Homepage allerdings zurzeit offline ist. Die Gruppe hat es sich zur Aufgabe gemacht, schwule, lesbische oder transidente Bundeswehrangehörige bei Problemen zu unterstützen und gegen Benachteiligungen zu schützen. Schon 2009 hatte der damalige Vorsitzende des Arbeitskreises, Sebastian Fröhlich, gegenüber der Stuttgarter Zeitung erklärt, dass die Richtlinien inzwischen in neun von zehn Fällen umgesetzt werden. Ins Bild passt auch, dass sich in den Berichten des Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestags in den vergangenen Jahren kaum  Hinweise auf Eingaben finden lassen, denen Benachteiligungen von Homosexuellen zugrunde liegen. Hellmut Königshaus (FDP), der amtierende Wehrbeauftragte, teilte am Donnerstag mit, dass sich die Zahl der jährlichen Eingaben, in denen die homosexuelle Orientierung einer Soldatin oder eines Soldaten eine Rolle spielt, einstellig sei. Eine Einschätzung ihrer Situation sei auf dieser Grundlage nicht möglich. „Allerdings“, so Königshaus, „spricht die im Verhältnis zur Größe der Bundeswehr geringe Anzahl der Eingaben nicht für das Vorhandensein von grundsätzlichen Problemen.“

          Ängste wegen Karrierenachteilen aber gibt es in der Truppe noch heute, auch wenn offene Benachteiligungen sich in Nischen - vor allem der kämpfenden Truppe - zurückgezogen haben. Gemessen an Studien über den Anteil Homosexueller in Deutschland dürften sich auch unter ranghohen deutschen Militärs Schwule oder Lesben befinden. Einen „Fall Hitzelsperger“ aber hat es in der Bundeswehr noch nie gegeben. Von den rund 200 aktiven Generälen und Admiralen der Bundeswehr hat sich bis heute keiner öffentlich geoutet.

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