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Holocaust-Gedenktag : „Überlebende wie Zaungäste behandelt“

Bild: reuters

Weil man in den vergangenen Jahren „stets missachtet“ worden sei, ist der Zentralrat der Juden in Deutschland der Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus ferngeblieben. Bundestagspräsident Lammert bezeichnete diese „Beschwerde unverständlich und bedauerlich“.

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          Bundespräsident Horst Köhler hat am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag dazu aufgerufen, die Erinnerung an den Holocaust, an die Ermordung von Millionen Menschen, lebendig zu halten. „Für uns Deutsche darf diese Vergangenheit nicht zum Museum werden“, mahnte Köhler bei einer Gedenkstunde im Bundestag. Der Bundespräsident forderte die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland auf, sich gegen Holocaust-Leugner und Extremisten zu wehren und Antisemiten entgegenzutreten.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Es sei gut, dass in Deutschland wieder Synagogen gebaut und Rabbiner ausgebildet würde. Dass aber Orte jüdischen Lebens von der Polizei gegen Extremisten geschützt werden müssten sei, so Köhler „eine Schande“. Der Bundespräsident forderte: „Stellen wir uns an die Seite unserer jüdischen Landsleute. Wer sie angreift, greift uns alle an.“ Köhler kritisierte die Raketen-Angriffe gegen Israel als „Terror“, doch seien auch „die vielen Toten und Zerstörungen des Krieges Teil eines Teufelskreises der Gewalt, der endlich gebrochen werden muss“. Die Welt müsse zusammenstehen, damit Friede im Nahen Osten möglich werde.

          Zentralrat der Juden sagt Teilnahme ab

          Mit Bedauern und Unverständnis wurde am Rande der Veranstaltung zur Kenntnis genommen, dass der Zentralrat der Juden seine Teilnahme daran kurzfristig abgesagt hatte. Zur Begründung hatte der Generalsekretär des Zentralrats, Kramer, nach Angaben des Berliner „Tagesspiegel“ die „erlebte Missachtung“ des Zentralrates genannt. Die Vertreter des jüdischen Verbandes seien „dort nie persönlich begrüßt worden“, so Kramer laut „Tagespiegel“.

          Es sei, so Kramer nach Agenturangaben „ein Unding, dass Überlebende wie Zaungäste behandelt werden.“ Dieser Behandlung wolle man sich nicht mehr aussetzen. Er beklagte in diesem Zusammenhang eine „fortschreitend um sich greifende Feindschaft gegen Juden, mehr und mehr auch aus der Mitte der Gesellschaft“.

          Nach Auskunft des Deutschen Bundestages hatte Präsident Lammert als Gastgeber der Gedenkveranstaltung am Dienstag „aus der Presse“ von der Begründung für die Absage erfahren. Das Protokoll des Bundestages habe am Vortag die Mitteilung erhalten, dass die Vorsitzende des Zentralrates, Charlotte Knobloch, nicht teilnehmen werde. Nach Auskunft des Bundestages hatte es davor keine Hinweise auf ein Unbehagen oder Gefühl der „Missachtung“ von Seiten des Zentralrats der Juden gegeben, das ihn möglicherweise an der Teilnahme hindern könnte.

          Nach dem Protokoll der Veranstaltung würden dort die Vertreter der drei Verfassungsorgane - Bundespräsident, Bundeskanzlerin, Präsident des Bundesverfassungsgerichts begrüßt, sowie im übrigen die verehrten „Damen und Herrn“. Außerdem würden ausdrücklich die Jugendlichen begrüßt, die zum Gedenktag an Erinnerungsveranstaltung und Diskussionen teilnähmen. Lammert hieß am Dienstag zudem zwei Männer willkommen, die in den letzten Jahren als Redner und Zeitzeugen im Bundestag gesprochen hatten - Arno Lustiger und Ernst Cramer.

          „Gedenken an die Opfer wach halten“

          Köhler legte in seiner Rede als Bundespräsident ein Versprechen ab, indem er sagte: „Wir Deutsche werden die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus und das Gedenken an die Opfer wach halten.“ Köhler und Bundestagpräsident Lammert erinnerten in ihren Ansprachen an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 und an die Millionen Juden, an Sinti und Roma, Slawen, Homosexuelle, Kranke, Behinderte und politisch Andersdenkende, die von Deutschen in der Zeit des Dritten Reichs zwischen 1933 und 1945 in diesem und anderen Lagern ermordet wurden.

          Mit dem allmählichen Verstummen der letzten Zeugen dieses Geschehens, werde es, so Lammert und Köhler, zur gemeinsamen Aufgabe aller, die Erinnerung so zu überliefern, dass sie lebendig bleibt. Denn so Köhler „das Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten hat gezeigt, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist .. wie zerbrechlich die kulturellen Sicherungen, auf die wir uns täglich wie selbstverständlich verlassen“.

          Köhler erwähnte mehrere Gedenkprojekte in deutschen Städten, etwa die „Stoplersteine“, mit denen an jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger erinnert werde, oder auch ein Schild mit der Aufschrift „Gurs 1170 Kilometer“ in Mannheim mit dem auf Initiative von Jungendlichen an die Deportation von mehr als 6000 Juden aus Baden, dem Saarland und der Pfalz ein deutsches Internierungslager in Frankreich erinnert wird. Solche Aktivitäten Jugendlicher sollten Beispiel geben. Köhler erwähnte ausdrücklich auch „Erinnerungsprojekte“, die sich mit Menschen befassten, die nicht schwiegen, nicht wegschauten, sondern Verfolgten beistanden.

          Köhler beklagte, dass es mit dem Geschichtswissen der Jugend „nicht zum Besten stehe“. Er sehe da eine gemeinsame Aufgabe für alle in Deutschland. Die Anstrengung werde sich lohnen, so Köhler, weil „historische Bildung zugleich ein Baustein für die Humanität der Gesellschaft ist“. Die Seele jedes Menschen solle erreicht werden: „Vom Leid der Opfer, vom Mut der Helfer und von der Niedertracht der Täter“.

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