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NSU-Prozess in München : Nur ein Freundschaftsdienst

Holger G. vor dem Oberlandesgericht in München Bild: EPA

Holger G. hat Beate Zschäpe eine Krankenkarte besorgt und Uwe Böhnhardt seinen Pass gegeben. Doch von den Taten des NSU will er nichts gewusst haben. Er wollte nur ein guter Freund sein, sagen seine Anwälte.

          Ein Freund, ein guter Freund wollte Holger G. für Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe sein. Das ist zumindest die Argumentationslinie, die die Verteidiger des Angeklagten Holger G. am Mittwoch im NSU-Verfahren in ihrem Plädoyer der Sichtweise des Generalbundesanwaltes gegenüberstellen. Nur aus Freundschaft habe Holger G. also eine Krankenkassenkarte für Beate Zschäpe besorgt, seinen Führerschein und seinen Reisepass den Untergetauchten übergeben, nachdem er zuvor noch sein Aussehen so veränderte, dass er Uwe Böhnhardt in dem Pass so ähnlich wie möglich sah. Die Bundesanwaltschaft hingegen wertet diese Handlungen als Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, von deren Gründung jedoch, wie sein Anwalt Stefan Hachmeister ausführt, Holger G. überhaupt nichts gewusst haben konnte.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Wie sollte er auch?“, fragt sein Verteidiger. Denn ihm zufolge hat Holger G. Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, mit denen er Urlaube verbrachte, Kneipen besuchte und Doppelkopf spielte, als „fröhlich und ungezwungen“ erlebt. Von Gewalt sei keine Rede gewesen, von einem militanten Kampf gegen das System schon gar nicht. So verfolgt die Verteidigung des Holger G. eine ähnliche Linie wie schon die Verteidigung der Angeklagten Beate Zschäpe: die Hilfe bei der Legendierung der Untergetauchten diente demgemäß nur dem Zweck, das „Auffliegen“ der Gruppe zu verhindern.

          Dazu zählen die beiden Verteidiger von Holger G. allerdings auch die Waffe, die er selbst überbracht hatte, sowie sein Wissen, dass Böhnhardt und Mundlos durchaus über zahlreiche Waffen verfügten. „Wir wollen das hier gar nicht unter den Tisch fallen lassen.“ Doch auch hier habe Holger G. angenommen, dass die Waffen vermutlich nur als „Druckmittel“ eingesetzt werden sollten, sobald die Entdeckung drohte.

          „Er hat ihnen vertraut“

          So hatte Holger G., wie er es in seiner Einlassung zu Beginn des Verfahrens ausführte, durchaus Bedenken, dem Trio seine Papiere zu übergeben. Die Männer hätten ihm jedoch entgegnet, sie würden „schon keinen Scheiß“ damit anstellen. Der Pass werde nur dafür gebraucht, sich auszuweisen, wenn sie von der Polizei kontrolliert würden. „Er hat ihnen vertraut“, sagt sein Verteidiger. Es sei ihm zudem auf Anerkennung durch die „Macher Böhnhardt und Mundlos“ angekommen. „Er fühlte sich als Freund dazu verpflichtet, ihnen zu helfen.“ Der Grundstein für dieses Pflichtgefühl wurde demnach in der „Kameradschaft Jena“ in den neunziger Jahre gelegt, getreu der Losung „unter Kameraden hilft man sich.“

          Als Holger G. dann 2011 erfuhr, welche Taten Böhnhardt und Mundlos verübt hatten, habe er sich betrogen gefühlt, sagt sein Anwalt und zitiert einen Polizeibeamten, der aussagte, dass Holger G. „aufgelöst und den Tränen nah“ gewesen sei. „Wir sagen das nicht, um Mitgefühl einzuwerben. Wir sehen es als Beleg, dass er nichts von den Taten wusste.“ Ihr Mandant habe somit nicht damit rechnen können, dass Böhnhardt und Mundlos seinen Führerschein dazu nutzen würden, Fahrzeuge anzumieten, um durchs Land zu reisen, Banken auszurauben und Ausländer zu töten.

          Denn auch die fünfjährige Beweisaufnahme hat nach ihren Worten nicht belegt, dass Holger G. zu Gewalt neigt. Er habe vielmehr in den Diskussionen in der „Kameradschaft Jena“ Gewalt als Mittel zur Durchsetzung der politischen Ziele immer abgelehnt. Und eine „Radikalisierung“ des Trios habe er während der Zeit im Untergrund auch gar nicht feststellen können. Vielmehr hätten die drei im Jahr 2004, als er ihnen von seinem Ausstieg aus der rechten Szene berichtete, „verständnisvoll und akzeptierend“ reagiert. Zudem galt Holger G., der spielsüchtig war und Drogen konsumierte, nach den Worten seines Anwalts auch als ein viel zu  „unsicherer Kantonist“, um vom NSU in Mordpläne eingewiesen zu werden.

          Holger G. will für seine Taten geradestehen

          Durch sein Geständnis in den polizeilichen Vernehmungen hat sich Holger G. schwer belastet und sehr zur Aufklärung der NSU-Verbrechen beigetragen, worauf die Verteidigung in ihrem Plädoyer abermals hinwies und dahingehend auch der Bundesanwaltschaft recht gab, die dies ebenfalls in ihrem Plädoyer hervorgehoben hatte. Doch der Generalbundesanwalt schieße weit über das Ziel hinaus, wenn er Holger G. die Unterstützung einer Terrorgruppe zur Last lege, so die Sichtweise der Verteidigung. Diese durch nichts belegte Deutung sei daher vor allem auf den hohen „Pönalisierungsdruck“ zurückzuführen. Denn in dem politisch und gesellschaftlich so bedeutsamen Verfahren müssten Verantwortliche auf jeden Fall „hart bestraft“ werden. Ein Zwang, dem sich das Gericht hoffentlich nicht unterwerfen werde, so die Verteidiger. Sie vertrauten also darauf, dass das Gericht die „strafprozessuale Wahrheit mit dem juristischen Skalpell“ herausarbeiten und ein „gerechtes Urteil“ sprechen werde.

          Schuld hat Holger G. nach den Ausführungen des Plädoyers gleichwohl auf sich geladen, allerdings nicht im Sinne der Anklage. Denn zu bestrafen sei er lediglich für die Unterstützung einer kriminellen Vereinigung. Ein Strafmaß fordern die Verteidiger dabei nicht: Holger G. habe sich gegen eine Festlegung ausgesprochen. „Er ist bereit, für seine Taten geradezustehen.“

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