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Mordfall Susanna : Hoffnung auf Sühne

Polizeibeamte gehen an einer Bahnstrecke nahe Wiesbaden-Erbenheim entlang auf dem Weg zu einem Leichenfundort in einem Gebüsch. Bild: dpa

Dem im Mordfall Susanna F. tatverdächtigen Ali Bashar gelang die Flucht in den Irak. Dort wurde er von kurdischen Sicherheitskräften festgenommen. Doch es gibt noch viele Fragen.

          Das Gefühl der Sicherheit ist in diesen Tagen in Deutschland sehr ungleich verteilt. Im hessischen Wiesbaden, wo die ermordete Susanna F. gefunden wurde, erzählt ein Anwohner, er habe seiner jüngeren Schwester wegen der Tat untersagt, abends aus dem Haus zu gehen. Im sachsen-anhaltischen Quedlinburg hingegen ist das Gefühl der Sicherheit fast schon erdrückend. Die kleine Stadt am Nordrand des Harzes, auch sonst nicht gerade ein Hotspot des Gewaltverbrechens, gleicht in diesen Tagen einer Festung. Überall stehen Polizisten mit schusssicheren Westen, dazu laufen etliche Herren in dunklen Anzügen und Knopf im Ohr durch die Innenstadt oder lehnen sich an ihre gepanzerten Limousinen. Die Innenminister der 16 Bundesländer sind in der Fachwerkstadt mit Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) zu einer der vielleicht wichtigsten Innenministerkonferenzen der vergangenen Jahre zusammengekommen.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Nicht nur die Ankerzentren für Asylbewerber stehen auf der Tagesordnung, auch der Skandal beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), die steigende Zahl von Messerangriffen und, und, und. Dem Sog der Gewalttat von Wiesbaden können sich aber auch die versammelten Innenminister nicht entziehen. Der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) erstattet Bericht über den Mord und die Kette von Fehlern, Langatmigkeiten und Schludereien, die es zuvor bei den Behörden gab, über die draußen gerade die Öffentlichkeit hitzig diskutiert.

          Frage, ob es „Behördenversagen“ war

          Alle Minister sind sich bewusst, dass dieser Fall ihre Tagesordnung überschattet. Noch allerdings sei das Lagebild „bruchstückhaft“, sagt ein Minister. Die Politiker wissen aber auch, dass die junge Susanna durch die Festnahme ihres mutmaßlichen Mörders nicht wieder lebendig wird und Fragen an die Politik und die Sicherheitsbehörden bleiben. Er verstehe schon, dass es vielen Bürgern unerklärlich sei, wie der mutmaßliche Täter binnen kürzester Zeit in das Land ausreisen konnte, aus dem er zuvor nach Deutschland angeblich als Flüchtling gekommen sei und auch nicht wieder dorthin abgeschoben werden konnte, sagt Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU). Es könne auch nicht angehen, dass „Gerichtsverfahren Jahre dauern und in dieser Zeit so etwas passiert“. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius hingegen bittet um ein wenig „Abwarten“ in dem Fall. Es sei schon bezeichnend für die Stimmung im Land, dass niemand genau wisse, was passiert sei, aber trotzdem viele bereits nach Gesetzesänderungen riefen, klagt der SPD-Politiker.

          Trauerbekundungen in der Nähe des Ortes, wo die Leiche von Susanna gefunden wurde.

          In Wiesbaden dagegen, jenem Ort, an dem die 14 Jahre alte Susanna mutmaßlich ermordet wurde, werden nun die Fragen lauter, ob die Polizei nicht deutlich früher auf den dringend des Mordes verdächtigen Asylbewerber Ali Bashar hätte aufmerksam werden müssen, der sich im Laufe der Ermittlungen in den Irak abgesetzt hatte. So spricht etwa der Innenpolitiker Wolfgang Greilich (FDP) von einer „Reihe von Ungereimtheiten“. Es müsse die Frage beantwortet werden, ob es ein „Behördenversagen“ gegeben hat.

          Derlei Fragen fallen in der Rückschau stets leicht, zeigen sich doch mittlerweile eine ganze Reihe von Puzzlestücken, die früh auf den Tatverdächtigen hinwiesen. Doch die Polizei sah sie zunächst nicht. Zu lange? Fest steht bisher nur: Die Suche nach dem Mädchen dauert quälend lange. Schon in der Nacht vom 22. auf den 23. Mai kommt Susanna F. nicht nach Hause. Am Morgen des 23. Mai meldet ihre Mutter sie bei der Polizei als vermisst und veröffentlicht auf Facebook eine Suchmeldung. Auch schreibt sie der „Bild“-Zeitung zufolge auf ihrer Facebook-Seite über ihre Tochter: „Seit sie vor ca drei Monaten diese Clique in Wiesbaden kennengelernt hat ist sie wie ausgewechselt (sic)“.

          Mutter erhält Hinweise per Whatsapp

          Die Polizei Mainz behandelt die Angelegenheit zunächst als Vermisstenfall. Dafür gibt es mehrere Gründe. Das Mädchen schwänzt nach Polizeiangaben seit Februar die Schule. Auch erhält ihre Mutter am 24. Mai eine Whatsapp-Nachricht. Darin heißt es: „ich bin mit meinem Freund in Paris – such mich nicht“. Später wird klar: Die Nachricht stammt nicht von Susanna. Zu diesem Zeitpunkt ist sie längst tot. Am 29. Mai bekommt die Mutter dann von einer Bekannten die Mitteilung, ihre Tochter sei tot, die Leiche liege an den Bahngleisen. Der Hinweis sollte sich als richtig erweisen. An den Bahngleisen macht die Polizei dann auch am Mittwoch den schrecklichen Fund. Damals, nach der Nachricht im Mai, wird die Polizei informiert, doch die Hinweisgeberin ist „nicht zu ermitteln“, da „auf Kurzurlaub“ und nicht erreichbar, wie Wiesbadens Polizeipräsident Stefan Müller am Donnerstag ausführte. Trotzdem dauert es nach der Nachricht noch mehr als eine Woche, bis die Leiche gefunden wird. Eine Woche, die Bashar mit seiner gesamten Familie, den Eltern und den fünf Geschwistern, nutzt, um sich in den Irak abzusetzen.

          Erst am 30. Mai wird der Fall an die Polizei in Wiesbaden überstellt. Eine Sprecherin der Polizei in Mainz will sich dazu nicht äußern und verweist auf die Staatsanwaltschaft in Wiesbaden. Deren Sprecher, Oberstaatsanwalt Andreas Winckelmann, sagt, man habe lange gehofft, das Mädchen lebend zu finden. Daher sei die Angelegenheit lange als „Vermisstenfall“ geführt worden. Wann genau welcher Hinweis wie behandelt wurde, dazu könne man zu diesem Zeitpunkt keine Angaben machen. „Das wird alles noch ermittelt.“

          Am 1. Juni veröffentlicht die Mutter von Susanna F. einen „Hilferuf“ an die Bundeskanzlerin auf Facebook. Darin erhebt sie den Vorwurf: „Wie kann es sein, dass die Polizei sich 5 Tage Zeit lässt und nichts tut und nur Dank unserer Rechtsanwältin endlich eine Handyortung sowie öffentliche Fandung (sic) veranlasst?“.

          Ausreise mit Laissez-passer-Papieren

          Ein junger Flüchtling ist es dann ausgerechnet, der die Polizei auf die heiße Spur führt und Bashar beschuldigt. Am 3. Juni kommt der Junge in ein Wiesbadener Revier und sagt, Bashar habe Susanna vergewaltigt und ermordet. Er hat die Information von Bashar selbst. Doch die Polizei findet Bashars Zimmer in der Unterkunft im Gewerbegebiet von Wiesbaden-Erbenheim leer vor. Ab dem 4. Juni wird nach ihm gefahndet. Ein Großaufgebot der Polizei durchkämmt immer wieder die Gegend um Wiesbaden-Erbenheim. Zu diesem Zeitpunkt geht die Angst um in der Stadt.

          Dabei ist der mutmaßliche Täter zu diesem Zeitpunkt längst außer Landes. Er fliegt gemeinsam mit seiner Familie bereits am 2. Juni von Düsseldorf nach Istanbul und von dort einen Tag später weiter nach Arbil im Irak. Nach Polizeiangaben bucht die Familie die Tickets unter einem anderen Namen als jenem, der in den arabischsprachigen Laissez-passer-Papieren sowie in den deutschen Aufenthaltsdokumenten aufgeführt ist, die sie bei der Ausreise vorlegen. Laissez-passer-Papiere sind Passersatzpapiere, die die Bundesrepublik ausstellen kann, wenn keine Pässe vorliegen. Damit können etwa Asylbewerber ausreisen oder auch abgeschoben werden, deren Antrag abgelehnt wurde. Doch am Flughafen Düsseldorf vergleicht die Bundespolizei offenbar nicht die Namen auf den Dokumenten mit jenen auf den Tickets.

          Wenn die Familie unter einem anderen Namen in ihre Heimat zurückfliegt, als unter jenem, mit dem sie in Deutschland gemeldet war, liegt die Vermutung nahe, dass der hier bekannte Name falsch ist. Die Familie habe bei der Einreise in Deutschland Passdokumente vorgelegt, die in Ordnung gewesen seien, heißt es dazu von der Wiesbadener Staatsanwaltschaft. Es gäbe keine Hinweise, dass sie hierzulande unter falschem Namen gelebt hätten. Warum aber gab es bei vorhandenen Pässen dann Laissez-passer-Papiere?

          Auch die Tatsache, dass gegen Bashar bereits mehrere Verfahren laufen, unter anderem wegen schweren Raubes, wirft Fragen nach der Polizeiarbeit auf. Zudem beschuldigte am 11. Mai ein elf Jahre altes Flüchtlingsmädchen einen Ali aus der Unterkunft am Kreuzberger Ring in Wiesbaden, in der Bashar lebte, sie sexuell missbraucht zu haben. Die Polizei ging den Hinweisen nach, legte den Fall dann aber offenbar zu den Akten. Die Beweislage, sagt dazu ein Sprecher der Oberstaatsanwaltschaft dieser Zeitung am Freitag, sei „dünn“ gewesen. In der Unterkunft habe es „vier bis fünf Alis“ gegeben. Zu diesem Zeitpunkt war Bashar noch im Land. Weiterhin heißt es von der Polizei, Susanna habe sich mit Bashars Bruder eine Beziehung vorstellen können. Doch habe dieser das nicht erwidert. Ob sie auch Bashar selbst kannte, bleibt unklar.

          Hätte Bashar abgeschoben werden müssen?

          Hätte Bashar angesichts der laufenden Verfahren in Untersuchungshaft genommen werden müssen? Die Vorwürfe hätten dafür nicht ausgereicht, heißt es von der Oberstaatsanwaltschaft Wiesbaden. Für Haftgründe seien bei Heranwachsenden besonders strenge Maßstäbe anzulegen. „Das kriegen sie bei keinem Gericht durch.“

          Hätte er abgeschoben werden müssen? Bashar hatte im Oktober 2016 einen Asylantrag in Gießen gestellt, der im darauffolgenden Dezember negativ beschieden wurde. Daraufhin legte ein Wiesbadener Rechtsanwalt Klage ein. Das Verfahren läuft nach Polizeiangaben noch. Erst nachdem es abgeschlossen und die Entscheidung negativ gefallen ist, Bashar also „vollziehbar ausreisepflichtig“ wäre, dürfte er abgeschoben werden.

          Zunächst hatte es von der Polizei geheißen, neben Bashar werde ein 35 Jahre alter türkischer Asylbewerber ebenfalls dringend der gemeinschaftlichen Vergewaltigung und des Mordes beschuldigt. Der Mann war festgenommen und verhört worden. Am Donnerstagabend ließ ihn die Polizei jedoch wieder frei. „Er war vermutlich zur Tatzeit nicht am Tatort“, heißt es dazu von der Staatsanwaltschaft am Freitag. Aus heutiger Sicht sei damit keine direkte Tatbeteiligung wahrscheinlich. Damit konzentrieren sich alle Ermittlungen auf Bashar.

          Was den Iraker betrifft, so erreicht in Quedlinburg den Bundesinnenminister während der abschließenden Beratungen der Konferenz am Freitagvormittag ein Anruf. Ihm wird mitgeteilt, dass der mutmaßliche Täter um zwei Uhr nachts von kurdischen Sicherheitskräften im Irak festgenommen worden ist. Wenig später kann der CSU-Politiker dann die Nachricht der Öffentlichkeit verkünden. Ausdrücklich lobt Seehofer die gute Zusammenarbeit mit den kurdischen Sicherheitsbehörden. „Das mit der Auslieferung läuft jetzt nach den internationalen Regeln“, sagt er. Und: Es sei gut, dass sich „niemand mehr auf dieser Erde sicher fühlen kann, der so etwas getan hat“. Nun dürfe man auf „Sühne“ für das furchtbare Verbrechen hoffen.

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