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Meteorologe über Politiker : „Es wurde ganz konkret vor ‚Lebensgefahr‘ gewarnt“

Hart getroffener Ort Schuld: Für die betroffenen Regionen sei ganz konkret vor „Lebensgefahr“ gewarnt worden, sagt Jeff Da Costa. Bild: AFP

Es war absehbar, wie schlimm das Hochwasser Deutschland treffen würde, sagt der Hydrometeorologe Jeff Da Costa. Ein Interview über die Verantwortung von Politikern vor Katastrophen.

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          Herr Da Costa, Sie beschäftigen sich als Doktorand an der University of Reading in Großbritannien mit der Vorbereitung auf extreme Wetterereignisse. Jetzt waren Ihre Eltern in Luxemburg selbst von dem Hochwasser betroffen. Wie haben Sie das erlebt?

          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Ich wohne in Luxemburg in der Stadt und habe gegen Mitternacht einen Anruf von meiner Schwester bekommen: Im Haus meiner Eltern stehe Wasser, und es steige immer weiter. Ich bin sofort mit dem Auto los und habe eine Straße gefunden, die noch nicht überschwemmt war. Als ich in meinem Heimatort angekommen bin, war ich schockiert, wie viel Wasser schon im Haus war. Es war nicht ansatzweise so schlimm wie in Teilen von Deutschland, aber die Menschen dort mussten völlig alleine versuchen, ihre Sachen vor dem Wasser zu retten. Es waren nirgendwo Feuerwehrleute zu sehen, oder sonstige Helfer. Ich hatte meinen Eltern zum Glück schon vorher erklärt, wie man sich bei einem Hochwasser verhalten sollte: Dass man auf keinen Fall ins Wasser gehen darf und dass man den Strom abschalten muss. Viele Leute dort wussten nicht mal das, in den Nachbarhäusern brannte überall Licht, obwohl auch dort das Wasser knietief in den unteren Stockwerken stand. In Westeuropa machen wir ständig Brandschutzübungen, aber niemand weiß, wie er sich bei so einer Flut zu verhalten hat – weil die Menschen nicht darauf vorbereitet werden.

          Wurden Ihre Eltern gewarnt?

          Nein. Es gab Fragmente von Informationen, die sie erreicht haben, aber als Wissenschaftler, der auf diesem Gebiet forscht, kann ich das nicht als Warnungen bezeichnen. Es haben keine Sirenen geheult, es gab keine Textnachrichten an die Bevölkerung, nichts davon. Die Feuerwehr hat in der Nacht am Telefon gesagt, sie könne nur kommen, wenn Leben bedroht seien. Wenig später war sie nicht mehr erreichbar. In der Pandemie wurde Menschen immer wieder gesagt, sie sollen zu Hause bleiben, dort seien sie sicher. Meine Mutter hat mir gesagt, dieses Gefühl der Sicherheit sei ihr jetzt genommen worden, es fühle sich an, als habe ein Einbrecher ihr Haus verwüstet. Und in Deutschland hatte das Hochwasser ja noch viel schlimmere Folgen. Auch dort hat die Krisenkommunikation vielerorts nicht funktioniert – dabei war absehbar, was passiert.

          Der Luxemburger Jeff Da Costa beschäftigt sich an der University of Reading mit der Voraussage von extremen Wetterereignissen.
          Der Luxemburger Jeff Da Costa beschäftigt sich an der University of Reading mit der Voraussage von extremen Wetterereignissen. : Bild: privat

          Das europäische Hochwasser-Warnsystem Efas hatte vier Tage vor dem Unwetter eine Warnung an deutsche Behörden abgegeben. In den Tagen darauf wurden die Vorhersagen dauernd aktualisiert – und lasen sich am Ende Berichten zufolge „wie eine makabere Prophezeiung“: Das Rheinland drohe von „extremen“ Überschwemmungen getroffen zu werden, insbesondere an den Flüssen Erft und Ahr sowie in Städten wie Hagen und Altena. Hannah Cloke, Professorin an Ihrer Universität und Mit-Entwicklerin von Efas, hat es als „monumentales Systemversagen“ bezeichnet, dass diese Warnungen nicht bei den Menschen angekommen seien. Funktioniert Efas wirklich so gut?

          Ja. Das ist ein System, das die Flussstände in Europa beobachtet und sehr genau vorhersagen kann, wie sich diese entwickeln. In der vergangenen Woche wurden die zuständigen Behörden in den betroffenen Regionen rechtzeitig informiert. An dieser Stelle endet aber die Macht von Efas. So ist es ja mit vielen europäischen Behörden: Sie geben Empfehlungen ab, und dann kann jedes Land oder jede Region entscheiden, wie damit umgegangen wird. Das Problem ist, dass die eigentlichen Entscheidungen dann oft von Menschen getroffen werden, die nicht gut genug ausgebildet sind, um diese Informationen überhaupt verstehen zu können. In Deutschland haben so viele Menschen ihr Leben verloren – und man kann jetzt nicht mal jemanden dafür verantwortlich machen, weil niemand zentral zuständig ist. Das muss sich ändern. Es ist sehr frustrierend für uns Wissenschaftler, wenn wir Warnungen aussprechen, und sie keine Konsequenzen haben.

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          Der Bürgermeister des besonders hart getroffenen Ortes Schuld hat gesagt, man hätte nicht vorhersehen können, was mit der Ahr bei solchen Wassermassen passiere.

          Ich fühle wirklich mit dem Bürgermeister und möchte ihm keine Vorwürfe machen. Aber es sind leider oft Menschen für Entscheidungen verantwortlich, die nicht genug Expertise in diesem Bereich haben. Es kann nicht sein, dass bei so einem Thema mit Vermutungen gearbeitet wird, oder mit Erinnerungen an frühere Hochwasser, bei denen die Felder ein bisschen unter Wasser standen. Es ist für mich unbegreiflich, wie man darauf kommen kann, dass diese Katastrophe nicht vorhersehbar war. Für die betroffenen Regionen wurde ganz konkret vor „Lebensgefahr“ gewarnt. Mehr geht nicht. Wir brauchen keine besseren Vorhersagesysteme. Die Vorhersagen funktionieren. Es geht darum, aus den Vorhersagen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Und dafür sind nicht Wissenschaftler verantwortlich, sondern Politiker. In Deutschland wird die Verantwortung so lange delegiert, bis niemand mehr zentral verantwortlich ist. Darüber müsste geredet werden. Stattdessen geht es in der Diskussion jetzt vor allem um die dramatischen Schicksale und den Klimawandel. Dahinter können sich Politiker verstecken, deren Aufgabe es wäre, funktionierende Strukturen mit klaren Verantwortlichkeiten zu schaffen.

          Der Klimawandel ist für Sie aktuell nicht das wichtigste Thema?

          Es ist sehr wichtig, sich um den Klimawandel zu kümmern. Aber für die Menschen, die jetzt von solchen Katastrophen getroffen werden, ist es erst mal irrelevant, zu welchem Anteil der Klimawandel der Auslöser war. Was bringt es ihnen, wenn Politiker mehr Tempo beim Klimaschutz fordern und Papiere für 2030 schreiben? Es sollte jetzt darum gehen, warum die Politiker die Menschen nicht besser schützen konnten. Der Klimawandel wird voraussichtlich dazu führen, dass es öfter zu solchen Katastrophen kommt. Deswegen muss man sich um die Zukunft kümmern. Aber ab und zu muss man auch mal auf die Gegenwart blicken und sich als Gesellschaft eingestehen, dass man ein Problem hat – und versuchen, dieses Problem zu lösen.

          Man darf auf keinen Fall ins Wasser gehen: Jeff Da Costa über Überflutungen wie hier am 16. Juli im belgischen Pepinster
          Man darf auf keinen Fall ins Wasser gehen: Jeff Da Costa über Überflutungen wie hier am 16. Juli im belgischen Pepinster : Bild: dpa

          Armin Schuster, Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, hat gesagt, die Warn-Infrastruktur in Deutschland habe vollständig funktioniert, viele Menschen hätten die Warnungen aber nicht ernst genug genommen.

          Ich finde es absolut empörend, Menschen dafür verantwortlich zu machen, dass sie nicht gut genug informiert worden sind. Leider ist das gerade sehr häufig passiert – auch in Luxemburg wurde gesagt, das Krisenmanagement habe gut funktioniert. Aber wenn man sich nach so einer Katastrophe fragen muss, ob man eigentlich gewarnt wurde, dann wurde man nicht effektiv gewarnt. Von Menschen kann nicht erwartet werden, dass sie selbst auf die Suche nach Warnungen gehen. Die Behörden müssen sicherstellen, dass alle Menschen erreicht werden, sonst sind das keine Warnungen, sondern Beispiele für schlechte Kommunikation. Außerdem müssen die Menschen wissen, wie sie sich bei Warnungen zu verhalten haben. In Japan weiß jeder Mensch, was er bei einem Erdbeben machen muss. In Europa sind wir sehr schlecht auf Katastrophen vorbereitet. Die wenigstens wüssten, was sie machen sollen, wenn ihr Haus evakuiert wird. Und dass sich Journalisten für eine Live-Schalte mitten ins Hochwasser stellen, in dem Autos treiben, zeigt, dass nicht mal sie verstehen, wie gefährlich das ist.

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