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Hochschul-Wettbewerb : Der Exzellenz-Konformismus

  • -Aktualisiert am

Ein Dozent, viele Studenten: Alltag an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen Bild: dpa

Je abhängiger die Universitäten von Drittmitteln werden, umso seltener werden bahnbrechende Forschungsergebnisse. Das System begünstigt Wissenschaft vom Reißbrett.

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          Die absurden Züge des Wettbewerbs um die forschungsstärksten Universitäten waren auch in der dritten und hoffentlich letzten Runde der Exzellenzinitiative nicht zu übersehen. Angesichts der verheißenen Summen waren Wissenschaftler zu nahezu jeder Anpassung und Verbiegung bereit. „Es ging doch gar nicht anders“, hieß es dann zumeist entschuldigend. Das ist das Argument, das seit nahezu zehn Jahren aus den Universitäten zu hören ist - von Wissenschaftlern und Wissenschaftsfunktionären, die plötzlich wie Politiker „keine Alternativen“ sehen.

          Wer die Unterfinanzierung der Universitäten auch nur einigermaßen kennt und weiß, dass die Grundfinanzierung trotz stetig wachsender Studentenzahlen seit den neunziger Jahren gleich geblieben ist, kann nur erleichtert sein, dass Geld in das Wissenschaftssystem geflossen ist, sehr viel Geld sogar. Allerdings wäre es irrig zu glauben, dass Exzellenzstandorte es nun mit den Spitzenuniversitäten in den Vereinigten Staaten aufnehmen könnten. Denn das Geld fließt in die Spitzenforschung der jeweiligen Universität, in wenige ausgewählte Forschungsverbünde und Graduiertenschulen.

          Die Studenten haben nichts von der Exzellenzinitiative. Nur ausnahmsweise und regelwidrig haben manche Universitäten auch ein wenig Geld aus dem Exzellenz-Füllhorn für die Verbesserung der Studienbedingungen abgezweigt. An vielen Standorten konnte zumindest der wissenschaftliche Nachwuchs in Graduiertenschulen von Exzellenzgeldern profitieren. In der Regel jedoch reüssierten diejenigen, die schon immer als die forschungsstärksten Koryphäen einer Universität auszumachen waren.

          Gewollt war Profilbildung, herausgekommen ist Uniformität

          Auch vor der Exzellenzinitiative hat niemand an die Mär von der gleichen Qualität aller Universitäten geglaubt. Es war immer bekannt, wo die jeweils stärksten Vertreter der Fächer und Fakultäten zu finden waren. Dass solche Forscher nun schon zum dritten Male binnen weniger Jahre monatelang Anträge geschrieben haben, Begehungen und Begutachtungen über sich ergehen ließen und dabei so wettbewerbskonform wie nur irgend möglich agieren mussten, gehört zu den bedenklichen Seiten der Exzellenzinitiative.

          Gewollt war sogenannte Profilbildung, herausgekommen ist Uniformität. Die Prozesse der Profilbildung glichen sich, belohnt wurden interdisziplinär organisierte Forschungsstrukturen, die manchen Fakultäten nicht gut bekamen. So haben die Geisteswissenschaftler, die insgesamt in viel geringerem Maße an Exzellenzclustern beteiligt sind, in Sonderforschungsbereichen besser forschen können als in den überdimensionierten Clustern. Die Anträge gerieten von Runde zu Runde gleichförmiger, die Zukunftskonzepte zur Volluniversität unterschieden sich nur noch marginal, wie sich an den großen Traditionsuniversitäten Freiburg, Heidelberg, Tübingen studieren lässt.

          Wissenschaftsfremdes Hochstapeln ist heute salonfähig

          Was ist denn von einer Forschung zu halten, die nicht in erster Linie dem Erkenntnisinteresse entspringt, sondern möglichst interdisziplinäre, zeitgeistkonforme und erfolgsorientierte Antragsexzellenz vorgibt, um Forschungsgelder zu erringen? Es gehört zu den Kollateralschäden des Wettbewerbs, dass er das eigentlich wissenschaftsfremde Hochstapeln salonfähig gemacht hat. Die vielen Beratungen zur Antragsstellung bezogen sich nicht in erster Linie auf den Inhalt, sondern auf die Präsentation, auf Antragslyrik und „Verkaufsstrategien“. Nicht zufällig wurden die Presseabteilungen der meisten Universitäten in Kommunikations- und Marketingabteilungen umgetauft und direkt dem Rektor oder Präsidenten unterstellt.

          Teuer: Das Studien-Service-Zentrum der RWTH Aachen, kurz „SuperC“. Die Hochschule zählt zu künftig elf Elite-Hochschulen, die insgesamt 2,7 Milliarden Euro für ihre Forschung erhalten
          Teuer: Das Studien-Service-Zentrum der RWTH Aachen, kurz „SuperC“. Die Hochschule zählt zu künftig elf Elite-Hochschulen, die insgesamt 2,7 Milliarden Euro für ihre Forschung erhalten : Bild: dpa

          Denn das Denken und Handeln der meisten Hochschulleitungen kreiste in fast monomaner Ausschließlichkeit um die Exzellenzinitiative. Wer seinen Exzellenzstatus eingebüßt hat, wird deshalb nicht in erster Linie unter Geldnöten leiden und mühsam aufgebaute Forschungsverbünde abwickeln müssen, er leidet mehr unter dem Imageverlust, vor allem im Ausland.

          Es wird Zeit, dass Ruhe ins System kommt

          Diese ehemaligen Exzellenzuniversitäten werden umso entschiedener um Drittmittel kämpfen müssen, was einen fatalen Teufelskreis in Gang setzt. Je abhängiger die Universitäten von Drittmitteln werden, desto stärker wird ein bestimmter Wissenschaftlertypus begünstigt: der Manager und Antragsschreiber, der nur noch bestimmte Forschungsformate und Forschungsthemen bevorzugt; der Wissenschaftler, der ankündigt und prophezeit, nicht aber derjenige, der konzentriert forscht und dabei möglicherweise bahnbrechende Zufallsentdeckungen macht, weil seine Forschung nicht auf dem Reißbrett geplant wurde.

          Es wird Zeit, dass jetzt Ruhe ins System kommt, der Marathon des extrovertierten Selbstmarketings ein Ende findet und andere Finanzierungsmöglichkeiten für Spitzenforschung und Grundfinanzierung erschlossen werden. Immerhin hat die Exzellenzinitiative dazu geführt, dass alle Universitäten gezwungen waren, über ihre Stärken und Schwächen nachzudenken. Jetzt ist die Zeit gekommen, daraus auch wettbewerbsunabhängige Konsequenzen zu ziehen. Dass dabei Nüchternheit einkehrt und wissenschaftsnahe Kriterien im Vordergrund stehen, kann man nur hoffen.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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