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Jasper von Altenbockum (kum.)

Historische Vergleiche : Am Tag von Erfurt

Björn Höcke gratuliert Thomas Kemmerich – wie Adolf Hitler dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg am „Tag von Potsdam“? Bild: dpa

Ohne historische Vergleiche lässt sich nicht aus der Geschichte lernen. Wenn sie aber zur Keule werden, bewirken sie das Gegenteil dessen, was sie erreichen sollen: die Entwertung, die Verharmlosung.

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          Auch wenn der Tag der Wahl des Ministerpräsidenten in Thüringen ein historischer Tag gewesen sein mag – es war nicht der „Tag von Potsdam“. Es war auch nicht ein Tag, an dem FDP und CDU sich mit Leuten gemein gemacht haben, die Millionen Menschen in Konzentrationslager geschickt haben. Es war nicht einmal ein Tag wie der, an dem Adolf Hitler 1930 jubelte, ohne seine Partei könne in Thüringen keine Regierung mehr gebildet werden.

          Solche historischen Vergleiche, die sich Politiker wie Bodo Ramelow oder sein Chef der Staatskanzlei nach ihrer Niederlage am Mittwoch geleistet haben, sind peinlich, vor allem aber sind sie unhistorisch. Sie tun so, als werde in Erfurt noch einmal das Menschheitsverbrechen der Nazis vorbereitet und als gehe es nun darum, eine Wiederholung der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu verhindern.

          Das hebt zwar die Moral, in diesem Fall der Ramelow-Anhänger, ins nahezu Unermessliche, verdreht aber in Wahrheit auf billige Weise die Tatsachen und verharmlost die dramatische Situation von damals. Eine solche politische Instrumentalisierung bewirkt auf fatale Art das Gegenteil dessen, was erreicht werden soll.

          Geschichte wird nicht mehr als abschreckendes Beispiel wahrgenommen, sondern als Waffenarsenal, in dem sich jeder gerade so bedienen kann, wie er will – je größer die Keule, desto besser. Auch dafür sollte, selbst am Tag von Erfurt, die Regel gelten: Wehret den Anfängen.

          Jasper von Altenbockum
          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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