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Hirntod-Debatte : Leben und leben lassen

Ethik kann nicht befohlen werden. Schon gar nicht ist ein Ethikrat dazu berufen, erste und letzte Fragen von Leben und Tod zu regeln.

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          Ethik kann nicht befohlen werden. Schon gar nicht ist ein Ethikrat dazu berufen, erste und letzte Fragen von Leben und Tod zu regeln. Er soll vielmehr die öffentliche Diskussion fördern und Empfehlungen für den Gesetzgeber abgeben. Einmütig hat der Deutsche Ethikrat nun die geltende Lage bestätigt: Voraussetzung für eine Organspende ist demnach der Hirntod eines Menschen. Auch die Minderheit im Gremium, die den Ausfall der Hirnfunktionen nicht für gleichbedeutend mit dem Tod hält, hat gegen die Entnahme von Organen nichts einzuwenden.

          Denn darum geht es letztlich - und darum sollte man nicht herumreden: Wie kann sichergestellt werden, dass ausreichend brauchbare Organe zur Verfügung stehen? Eigentlich darf man allenfalls Toten Körperteile entnehmen. Der Mensch ist kein Ersatzteillager. Doch wie der Beginn menschlichen Lebens, so ist auch sein Ende durchaus nicht einfach, natürlich gleichsam, festzustellen.

          Vielmehr ist es der Mensch, der in einem idealerweise demokratischen, gerichtlich kontrollierbaren Verfahren festlegt, von welchem Zeitpunkt an der Mensch ein Mensch ist und wann er aufhört, einer zu sein. Daran sind erhebliche Folgen geknüpft: Die Schwelle zum Totschlag ist schnell überschritten.

          Immerhin hat der menschliche Körper auch nach dem Ausfall der Hirnfunktionen noch Steuerungsfunktionen; hirntote Schwangere sind noch von Kindern entbunden worden. Die Entnahme von Organen soll aber keine Tötung sein, weil der hirntote Mensch nichts mehr wahrnehmen und empfinden könne und eine künstliche Aufrechterhaltung der Körperfunktionen in seinem Interesse nicht sinnvoll sei.

          Darum geht es: um Interessen. Und diese Interessenlage ist verständlich, schließlich warten zahlreiche Patienten auf Organe - und die Spender (oder ihnen Nahestehende) müssen in eine Entnahme eingewilligt haben. Das Transplantationswesen ist auch ein - nicht immer sauberes - großes Geschäft, in dem unter großem Druck gehandelt werden muss.

          Es leuchtet ein, einen unumkehrbaren Ausfall der Hirnfunktion als Tod einzustufen. Doch darf man immer noch aufmerken, wenn menschlichem Leben die Eigenschaft als Person abgesprochen wird und es im vermeintlich eigenen Interesse beendet wird. Glaube und Grundgesetz zwingen erst einmal dazu, alles Leben gleich zu schätzen.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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