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Hilferuf eines Bürgermeisters : „Ich möchte helfen, aber das ist zu viel“

Nicht der schönste aller Orte: Polizeidienststelle in der Flüchtlingsunterkunft in Boostedt. Bild: dpa

Der Bürgermeister von Boostedt hat die Situation in einer Flüchtlingsunterkunft kritisiert. Er klagte über Respektlosigkeit, rüpelhaftes Benehmen, Lärmbelästigung – und löste damit in Schleswig-Holstein einen kleinen Sturm aus.

          Hartmut König hat gesagt, was aus seiner Sicht zu sagen war. Ein Hilferuf. Jetzt aber fühlt er sich hin- und hergerissen. „Hätte ich denn vielleicht sagen sollen, alles ist gut?“ König sitzt auf einer Bank vor der klobigen Gemeindeverwaltung von Boostedt. Ein kleines Dorf in Schleswig-Holstein, ganz nah bei Neumünster. König ist der Bürgermeister, er macht es ehrenamtlich, seine Partei ist die CDU.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Der Himmel zieht sich zu über seinem Dorf, hin und wieder fallen ein paar Tropfen. Die schmalen Straßen sind an diesem Nachmittag fast ausgestorben, Eigenheime wie Perlen an einer Kette aufgezogen. König zeigt Nachrichten auf seinem Handy. Danke für die offenen Worte, steht da. Danke für den Mut. Er berichtet aber auch von E-Mails, in denen ihm vorgeworfen werde, dass er den Hass gegen Flüchtlinge fördere. So viele Anrufe, Kommentare, Interviews.

          Er sagte, was aus seiner Sicht zu sagen war

          König sagt: „Ich bin für meine Gemeinde verantwortlich.“ Und: „Ich möchte helfen, aber das ist zu viel.“ Er meint die Situation mit den Flüchtlingen. Als Mitarbeiter der Verwaltung aus dem Haus treten, sich eine Zigarette anstecken, sagt König, rauchen sei ungesund. Einer antwortet: „In die Politik gehen aber auch.“ König lacht gequält.

          König hat also gesagt, was aus seiner Sicht zu sagen war. Vor ein paar Tagen stand es in einer Regionalzeitung. Auf zwei Seiten. Seine Gemeinde werde mit einer „Klientel von Flüchtlingen belastet, mit der sich ein großer Teil der Bevölkerung nicht mehr identifizieren kann“. Er klagte über Krawall, über Respektlosigkeit, rüpelhaftes Benehmen, und Lärmbelästigung. Und er sagte, dass er sich mit seiner Gemeinde vom Land alleingelassen fühle. König hat damit in Schleswig-Holstein einen kleinen Sturm ausgelöst.

          Im Zentrum dieses Sturms steht nicht nur König, sondern auch eine alte Kaserne am Rande von Boostedt. Kilometerlange Zäune umschließen sie. Seit 2015 ist hier eine Landesunterkunft für Flüchtlinge untergebracht. Klinkerblöcke stehen in Reih und Glied, lange Straßen führen hindurch. Die Fenster in den Unterkünften sind aufgerissen, Kinder spielen mit Bällen auf dem Asphalt vor den Häusern. Gruppen von Männern schlendern umher oder suchen Schutz vor der Sonne im Schatten der Bäume.

          Etwa 1300 Flüchtlinge sind derzeit in der ehemaligen Kaserne untergebracht, 40 unterschiedlichen Nationalitäten. Die meisten kommen aus Afghanistan, Armenien, Irak, Iran, Somalia, Syrien oder der Türkei. Die knappe Mehrheit der Flüchtlinge ist mit ihren Familien da, etwas weniger als die Hälfte aber allein – und davon sind etwa drei Viertel Männer. In Boostedt leben gut 4600 Menschen.

          Beratungen, Konflikttraining und eine Polizeistation

          Ulf Döhring, der Leiter des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten, führt zusammen mit zwei Mitarbeitern des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) durch die ehemalige Kaserne. In der Unterkunft sorgt das DRK für die Betreuung der Flüchtlinge. Dass die beiden Mitarbeiter wenig von der Kritik des Bürgermeisters König halten, sprechen sie zwar nicht deutlich aus, man darf es aber wohl aus ihren Reaktionen auf die Frage ablesen. Stattdessen berichten sie von der Hilfsbereitschaft der Bewohner, wie fleißig viele mitarbeiten würden. Es herrscht Schulpflicht, die Kinder werden vom ersten Tag an unterrichtet, die ärztliche Versorgung findet ebenfalls hier statt, die Volkshochschule hat auch ein paar Räume für den Deutschunterricht in einem ehemaligen Kasernengebäude, es gibt Beratungen, Konflikttraining, und eine Polizeistation gibt es auch.

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