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Hilfen für Haiti : Wettstreit der Großzügigen

Hilfe von oben: Amerikanische Militärflugzeuge bringen Medizin und Nahrungsmittel nach Haiti Bild: AFP

Nach dem schweren Erdbeben haben viele Regierungen Haiti üppige Hilfen zugesagt. Das heißt jedoch noch lange nicht, dass die Helfer der UN damit auch das Nötigste bezahlen können. Auch in der Not vergisst die Politik nicht die Gesetze der Publizität.

          Im „Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten“, kurz Ocha, unterscheiden die Mitarbeiter zwischen normalen und speziellen Katastrophen. Mit dem Ausmaß der Zerstörung hat das nichts zu tun. Dass Haiti zu den Sonderfällen zählt, hängt vielmehr damit zusammen, dass das Beben sowohl die Regierung als auch die örtliche UN-Mission handlungsunfähig gemacht hat. Da es an fundierten Einschätzungen durch erfahrene Kräfte an Ort und Stelle mangelte, mussten die Fachleute der UN-Organisationen vom Welternährungsprogramm (WFP) über die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis zum Kinderhilfswerk Unicef von ihren fernen Hauptquartieren aus binnen zwei, drei Tagen berechnen, welche Hilfe für wie viel Geld den Haitianern in den kommenden sechs Monaten zu leisten sein würde. Die Eile war nicht nur geboten, weil Abertausende Menschenleben akut bedroht waren – die UN-Leute wissen auch, dass die von den dramatischen Fernsehbildern der ersten Tage befeuerte Hilfsbereitschaft rund um den Globus nicht ewig währen wird.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Schon am Freitag gab der UN-Nothilfekoordinator und Untergeneralsekretär für humanitäre Angelegenheiten, John Holmes, in New York das Ergebnis bekannt: 575 Millionen Dollar brauchen die UN-Agenturen und die mit ihnen zusammenarbeitenden Nichtregierungsorganisationen (NGO) für Haiti – oder korrekter: 575 Millionen Dollar trauen sich diese Organisationen zu, innerhalb eines halben Jahres sinnvoll auszugeben. Gut ein Fünftel der Summe war bis zum Mittwochmorgen eingegangen.

          Das klingt wenig, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Präsident Obama schon vorher 100 Millionen Dollar zugesagt und die EU ihre Hilfe am Montag dann auf mehr als 420 Millionen Euro beziffert hat. Doch gehört ein gewisser Überbietungswettbewerb nach einer Naturkatastrophe, die die ganze Welt schockiert hat, zum politischen Geschäft. Dass vielen Bürgern die Unterscheidung zwischen „alten“ Mitteln und „frischem“ Geld dabei ebenso verborgen bleibt wie die feinen, aber bedeutsamen Jargon-Differenzierungen zwischen Nothilfe, „Rehabilitationsmaßnahmen“ oder Wiederaufbau, kann die Geber nicht stören. Derlei arithmetische Kreativität kennt die Welt auch von Gipfeltreffen etwa der G 8, die beispielsweise imposante Hilfspakete für Afrika schnürt und unter den Tisch fallen lässt, dass dabei längst versprochene Zuwendungen und Schuldenerlasse einfach noch einmal mitgerechnet werden.

          Große Not: Viele Menschen behelfen sich mit gestohlenen Lebensmitteln wie dieser Mann in Port-au-Prince

          122 Millionen europäische Euro für Soforthilfen

          Die stolze Summe, die nach dem Sondertreffen der Außen- und Entwicklungsminister der EU am Montag in Brüssel verkündet wurde, enthält für Soforthilfe – etwa Nahrungsmittellieferungen, medizinische Leistungen oder die Errichtung von Zeltlagern für Obdachlose – 122 Millionen Euro. Davon stammen 30 Millionen Euro aus dem Budget des Amts der EU-Kommission für Nothilfe (Echo). Dieses Geld soll im wesentlichen unter dem Dach von Ocha, also der Vereinten Nationen, ausgegeben werden.

          Auf 92 Millionen Euro addierten sich darüber hinaus am Montag die Zusagen der 27 einzelnen Mitgliedstaaten für Nothilfe. Deren Geld kann viele Wege nach Haiti nehmen – über Brüssel führen sie nicht. Manche Staaten überweisen das gesamte Geld den UN-Organisationen, die ihren Bedarf bei Ocha gemeldet haben; andere bedenken NGO, die auf eigene Faust in Haiti aktiv sind. So hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit vier Millionen Euro an das WFP überwiesen, eine Million aber der staatlichen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) zugesprochen. Das Auswärtige Amt, das ebenfalls fünf Millionen Euro bereitgestellt hat, gibt das Geld wiederum an deutsche NGO wie das Technische Hilfswerk, welches Trinkwasser aufbereitet, und das Deutsche Rote Kreuz, das medizinische Hilfe leistet.

          Weitere 100 Millionen Euro für Haiti stellt die EU-Kommission aus dem Europäischen Entwicklungsfonds (EDF) bereit. Mit diesem Geld sollen Maßnahmen bezahlt werden, die den Übergang von der akuten Rettung zum Wiederaufbau markieren – etwa die Wiederherstellung grundlegender Infrastruktur durch die Räumung von Straßen oder die Reparatur von Wasserleitungen, ohne die sich keine wirtschaftliche Erholung entwickeln könnte.

          Umwidmung bestehender Mittel

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