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Hessische SPD : Schäfer-Gümbel bläst zum Angriff

  • -Aktualisiert am

Alter und neuer Parteivorsitzender und „Ministerpräsidentenkandidat“: Thorsten Schäfer-Gümbel Bild: dapd

Erstmals seit fast drei Jahren ist wieder so etwas wie Siegeswille und Zuversicht sichtbar: Die hessische SPD präsentiert sich auf ihrem Kasseler Parteitag mit neuem Selbstbewusstsein.

          Der Ort der Veranstaltung klingt nicht nach Bescheidenheit. Im Festsaal „Palazzo“ des Tagungshotels „La Strada“ in ihrer Hochburg Kassel feiert die hessische Sozialdemokratie drei Jahre nach ihrer Selbstdemontage den Wiederaufbau. Die Parteitagsbühne ist umrahmt von schweren, roten Vorhängen. In einer sorgsam inszenierten Krönungsmesse bejubeln die 350 Parteitagsdelegierten jenen Mann im dunkelgrauen Anzug am Rednerpult, der am 8. November 2008 zum Spitzenkandidaten der Hessen-SPD ausgerufen wurde, vier Tage nach dem Desaster der an Wortbruch und Rebellen gescheiterten Andrea Ypsilanti. Thorsten Schäfer-Gümbel musste die Partei wenige Wochen später in eine aussichtslose Neuwahl führen.

          Thomas Holl

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online.

          Damals wurde der weitgehend unbekannte SPD-Hinterbänkler mit der altmodischen Brille in Medienberichten und Pressemitteilungen von CDU und FDP wechselweise als Notnagel, Konkursverwalter oder gar „Marionette“ seiner früheren Förderin Ypsilanti verhöhnt. Fast drei Jahre danach musste Schäfer-Gümbel in etlichen Vorabberichten zum Parteitag wieder die Beschreibungen „von dem Mann mit den dicken Brillengläsern und dem komischen Gesicht“ lesen, wie er zu Beginn seiner Rede beklagt. Über Politik hingegen werde nicht geredet und geschrieben. Doch von diesem Wettbewerb um „Brillengläser und Haarschnitte“ werde sich die SPD wie schon vor drei Jahren auch diesmal nicht anstecken lassen, sagt Schäfer-Gümbel. Nach dieser Medienschelte, die ahnen lässt, wie sehr ihn die teils hämischen Porträts verletzt haben, folgt ein selbstbewusster Auftritt, der sich fundamental von jenem Trauerparteitag am 28. Februar 2009 in Darmstadt unterscheidet.

          Versöhnung der verfeindeten Parteilager

          An jenem Samstag, einen Monat nach dem Neuwahldesaster mit 23,7 Prozent, wurde der Wahlverlierer „TSG“ zum neuen hessischen Landesvorsitzenden gewählt. Doch im Mittelpunkt jenes Parteitags stand noch seine Vorgängerin Ypsilanti und ihr tränenreicher Abschied, der in den Worten gipfelte: „Ich bleibe eine von Euch!“ Ihre Fans vom linken SPD-Flügel feierten damals trotzig ihr Idol - und verhagelten zugleich Schäfer-Gümbels Selbstdarstellung als Aufbauhelfer der Partei.

          In Kassel ist nun alles anders. Andrea Ypsilanti sitzt als einfache Delegierte und Landtagsabgeordnete fast unbeachtet im Block der Frankfurter Delegierten. Und so wie die Hessen-CDU ihren Schwarzgeld-Skandal erfolgreich aus dem kollektiven Gedächtnis der Partei verdrängt hat, ist der Wortbruch Ypsilantis und das anschließende Drama um die vier Nein-Sager der SPD hier kein Thema mehr. Klugerweise ist auch kein rhetorisch überlegener Gast aus der Bundes-SPD eingeladen, der dem Hauptredner die Show stehlen könnte. Die Aufmerksamkeit wird allein Schäfer-Gümbel zuteil, der die Phase des Wiederaufbaus und der Stabilisierung einer von Flügelkämpfen und Intrigen zerrissen Partei für beendet erklärt. „Nach drei Jahren sind wir wieder auf der Höhe der Zeit. Niemand kann uns die Butter vom Brot nehmen. Wir sind nicht nur regierungswillig, sondern auch regierungsfähig.“ Nach diesen Worten, hinter der Schäfer-Gümbels Therapie der Versöhnung der verfeindeten Parteilager mit Hilfe vieler integrativer Gremiensitzungen und Einzelgespräche steht, bläst er zum Angriff auf die CDU-geführte Landesregierung Volker Bouffiers. Unter dem Applaus der Delegierten geißelt Schäfer-Gümbel die Affären rund um die hessische Polizei und die fragwürdige Vergabepraxis an Unternehmen, die der CDU nahestehen: „Willkommen im Land der Vetternwirtschaft und des schwarzen Filz!“ Unter der schwarz-gelben Koalition in Wiesbaden sei Hessen zum „Skandalland Nummer Eins“ geworden.

          Ein Stürmer mit Tordrang

          Dann schält Schäfer-Gümbel den Markenkern der SPD heraus, die „soziale Gerechtigkeit“ - auch mit einer kleinen Geschichte aus seiner Kindheit. Als der in der Giessener Nordstadt aufgewachsene Politiker erzählt, dass sein Vater aus Geldmangel nur ihm die Anmeldung zum Gymnasium erlaubte, stockt ihm vor Rührung die Stimme: „Meine drei Geschwister hatten diese Chance leider schon nicht mehr.“ Der Bildungserfolg eines Kindes dürfe nicht von der sozialen Herkunft abhängen, lautet Schäfer-Gümbels Lehre aus dieser Erfahrung noch Ende der siebziger Jahre in einem SPD-regierten Land: „Jedes Kind muss gefördert werden.“ Mit einem bei Politikern stets beliebten Fußball-Vergleich rundet der FC-Bayern-Fan seine Selbstdarstellung als Stürmer mit Tordrang ab: „Es ist mir scheißegal, ob wir das Spiel 1:0 oder 3:0 oder 4:3 nach Verlängerung gewinnen. Das Turnier hat begonnen, der Anpfiff ist heute und wir wollen die Meisterschale“, ruft Schäfer-Gümbel.

          Der Lohn für diese Motivationsarbeit, bei der in der Hessen-SPD erstmals seit fast drei Jahren wieder so etwas wie Siegeswille und Zuversicht sichtbar wird, ist die Wahl nicht zum einfachen Spitzenkandidaten schon mehr als zwei Jahre vor der Landtagswahl, sondern zum „Ministerpräsidentenkandidaten“ mit einem Ergebnis von 94,5 Prozent. Und auch die Wiederwahl zum Landesvorsitzenden eine gute Stunde später wird mit 96,1 Prozent zum Vertrauensbeweis.

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