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Amokschütze von München : Herrmann bestätigt Hinweise auf rassistisches Weltbild

  • -Aktualisiert am

Polizisten riegeln am vergangenen Freitag das Olympia-Einkaufszentrum in München ab. Bild: dpa

Auch nach Angaben des bayerischen Innenministers gibt es Hinweise darauf, dass der Amokschütze von München ein rechtsextremistisches Weltbild hatte. Damit bestätigt Herrmann entsprechende Recherchen der F.A.Z.

          Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat die Recherchen der F.A.Z. bestätigt, dass es Hinweise auf ein rechtsextremistisches Weltbild des Münchner Amokschützers gibt. Der Täter habe offensichtlich Sympathien für solches Gedankengut gehabt, sagte Herrmann bei der Klausurtagung des bayerischen Kabinetts in St. Quirin am Tegernsee.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Ein Beleg sei, dass der Täter anscheinend stolz darauf gewesen sei, dass sein Geburtstag, der 20. April 1998, auf den Geburtstag Adolf Hitlers fiel. Auch die Sympathien des Täters für den norwegischen Attentäter Anders Breivik deuteten auf eine rechtsextremistische Gesinnung. Es gebe aber keine Erkenntnisse, dass der Münchner Täter in rechtsextremistischen Netzwerke eingebunden gewesen sei.

          Die F.A.Z. hatte am Mittwoch exklusiv berichtet, der Täter S., der aus einer iranischen Familie stammt, sei stolz darauf gewesen, als Iraner und als Deutscher „Arier“ zu sein. Ursprünglich gilt Iran als die Heimat der Arier. Türken und Araber habe S. hingegen gehasst. Er habe ein „Höherwertigkeitsgefühl“ ihnen gegenüber gehegt.

          Alle Opfer hatten einen Migrationshintergrund

          Die Ermittler gehen daher auch der Hypothese nach, ob S. bei seiner Tat gezielt Menschen mit ausländischer Herkunft getötet hat. Alle seine neun Opfer hatten einen Migrationshintergrund, sechs waren Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren, zwei waren junge Erwachsene im Alter von 19 und 20 Jahren. Drei Jugendliche waren türkischstämmig, zudem wurde eine 45 Jahre alte türkische Frau getötet. Drei andere Jugendliche - ein Junge und zwei Mädchen - waren Kosovo-Albaner.

          Für die Annahme, dass S. aus rassistischen Motiven heraus tötete, spricht auch, dass er mehr Menschen hätte umbringen können – er führte 300 Schuss Munition bei sich. Bisher war seine Tat als Amoklauf beschrieben worden, der sich aus einer psychischen Erkrankung und der Erfahrung des Mobbings durch Gleichaltrige gespeist habe. In Strukturen der rechtsextremistischen Szene in München war S. nicht eingebunden.

          Kontakt zu Schüler in Ludwigsburg

          Eine weitere Spur, der die Ermittler derzeit nachgehen, führt aus München nach Ludwigsburg. Dort wurde in der Nacht zum Dienstag ein 15 Jahre alter Junge kurzzeitig verhaftet, der im Begriff war, einen Amoklauf an einer baden-württembergischen Schule zu verüben. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Stuttgart hatte dieser Junge Kontakt zum Münchner Amokläufer - der allerdings schon lange vor dem Anschlag im Olympia-Einkaufszentrum zustande gekommen war. Der 15 Jahre alte deutschstämmige Junge und der 18 Jahre alte deutsch-iranische Amoktäter sollen Bilder und Informationen über den Internetdienst Instagram sowie über das legale Gamer-Forum „Steam“ ausgetauscht haben. Beide hätten sich als Mobbing-Opfer gefühlt. „Im Ludwigsburger Fall haben wir keine Hinweise auf rechtsextreme Tendenzen, der Verdächtige hatte Schulprobleme, die sich dann aber gelegt haben. Deshalb nahm er wohl auch Abstand von seinen Plänen“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart.

          Der Ludwigsburger Fall lasse derzeit keine Rückschlüsse auf möglicherweise rechtsextremistische Motive des Münchner Täters zu. „Nur, weil sie vor längerer Zeit mal Kontakt gehabt haben, müssen sie für ihre Taten nicht die gleichen Grundmotive gehabt haben“, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Der Ludwigsburger Schüler hatte sich bereits Anfang des Jahres von seinem Vorhaben distanziert, er befindet sich jetzt in psychiatrischer Behandlung. Die Polizei hatte in der elterlichen Wohnung des Verdächtigen Messer, Dolche, kleinkalibrige Munition sowie Chemikalien und Anleitungen zur Herstellung von Sprengmitteln gefunden. Ob sich die beiden Personen mal getroffen haben und ob der Kontakt im Zusammenhang mit einem Besuch von Ali Daniel S. in Winnenden, wo es am 11. März 2009 einen Amoklauf mit 15 Opfern gab, steht, muss durch weitere Ermittlungen noch geklärt werden. Ein Sprecher des Polizeipräsidiums Ludwigsburg sagte: „Für uns ist die Kuh vom Eis, man sollte die Fälle nicht verquicken.“ Die Hintergründe des Münchner Falls müsste jetzt das bayerische Landeskriminalamt klären.

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