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Helmut Schmidt zum 90. : Der ewige Kanzler

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Leitender Angestellter der Bundesrepublik a.D.: Helmut Schmidt Bild: ddp

Helmut Schmidt ist nicht mehr im Amt, doch die Deutschen können einfach nicht von ihm lassen. Wenn der Mann uns die Welt erklärt, werden Erinnerungen wach an eine Zeit, in der scheinbar alles einfacher war als heute. Dabei war der Regierungschef auch damals schon vor allem eines: Krisenmanager.

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          Sie sehen ihn gern, noch immer. Wenn er auftritt, sind die Eintrittskarten Wochen vorher ausverkauft, es gibt ein Gedränge und Geschiebe. So wie kürzlich, als er im Berliner Ensemble auf der Bühne saß und man im Foyer eine Leinwand aufstellen musste, weil nicht alle in den Theatersaal passten. Deutsche Großväter, Eltern und Kinder kamen herbeigeströmt, um ihren Übervater zu bestaunen.

          Neben ihm, auf einem Tischchen, stand ein Glas Cola, als Requisite. Natürlich zog er bald kräftig an einer Zigarette. „Ich bin ein alter Mann ohne Einfluss“, kokettierte der frühere Bundeskanzler. Seine Stimme war voller Schärfe - hamburgisch-kühl, sie kam von oben und schwebte über den Dingen. Da konnte jeder verstehen, was seinerzeit der CDU-Bundestagsabgeordnete Gerhard Zeitel gemeint haben mochte, als er Helmut Schmidt einen Staatsschauspieler nannte. Doch Schmidt fühlte sich geschmeichelt: „Ich kann daran nichts Ehrenrühriges erkennen. Warum soll ich nicht von meiner Begabung Gebrauch machen?“, meinte er. Überliefert ist von ihm auch diese Sentenz: „Unser Gewerbe ist doch wie das der Schauspieler. Ohne Zustimmung von draußen gehen wir ein.“ Jeder Auftritt des Kanzlers sei eine Mischung aus Leistung und Show gewesen, schreibt sein Biograph Mainhardt Graf von Nayhauß. So ist es geblieben.

          Er sucht noch immer nach Bestätigung

          Dabei ist Helmut Schmidt seit 26 Jahren nicht mehr der „Leitende Angestellte der Bundesrepublik“, wie er sich selber nennt. Sein aktuelles Buch, vielleicht sein letztes, sein Vermächtnis, heißt schlicht: „Außer Dienst“. Und verkauft sich blendend. Längst ist alles über ihn gesagt und geschrieben, in unzähligen Büchern von ihm und über ihn - die Leute finden ihn faszinierend. Sie mögen, dass ihnen einer deutlich sagt, wo es langgeht. Und das mit - jawohl - Kodderschnauze. Raubtierkapitalismus? Der frühere Bundeskanzler ist stolz darauf, diesen Begriff erfunden zu haben.

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          Liechtenstein? „Die steuerfreien Inseln sind ein Krebsschaden für die ganze Welt.“ Georgien? Dass der Nato-Rat eine Sitzung in Tiflis abgehalten habe, das sei, so Schmidt, in etwa so gewesen, als ob sich zu Breschnews Zeiten der Ministerrat des Warschauer Pakts in Havanna getroffen hätte. Afghanistan? „Was militärische Operationen angeht, da bin ich vorsichtiger als heutige Politiker. Ich habe den Zweiten Weltkrieg erlebt.“ Es sei leicht, meint Schmidt, in ein Land „militärisch reinzugehen, aber schwer, ohne ein Chaos zu hinterlassen, mit Anstand wieder rauszugehen“. Finanzkrise? „Den Sozialstaat kann nur der Staat selber aufrechterhalten, nicht der Markt.“ Jubel im Saal.

          Der frühere Bundeskanzler sucht noch immer nach Bestätigung. Die bekommt er leicht. Denn wenn Schmidt spricht, erinnern sich die Leute. An die Zeit, als Amerikaner auf der einen und Russen auf der anderen Seite der Mauer standen, ganz übersichtlich. Als Deutschland bequem im Windschatten der Großen segelte und der Bundestag nicht darüber nachdenken musste, ob deutsche Soldaten dabei helfen sollen, das Morden im Kosovo zu beenden, oder gar am Hindukusch Terroristen dingfest zu machen. Als samstags noch die ganze Familie nacheinander in die Badewanne stieg und pünktlich zur „Tagesschau“ wieder heraus war, weil anschließend „Dalli Dalli“ kam. Regelmäßig bekam damals ein Bundeskanzler noch bis zu hundert Sekunden Sendezeit am Stück, um den Deutschen die nicht globalisierte Welt zu erklären. Schmidt, Typ Oberlehrer, kam das entgegen.

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