https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/helmut-schmidt-und-die-spd-die-groesste-liebe-seit-willy-brandt-13906109.html

Helmut Schmidt und die SPD : Die größte Liebe seit Willy Brandt

Willy Brandt und Helmut Schmidt auf dem SPD-Parteitag im Oktober 1972 Bild: Reuters

Kühler Respekt, aber keine heiße Verehrung: Damit war über lange Jahre das Verhältnis zwischen Helmut Schmidt und der SPD beschrieben. Vor allem der Nato-Doppelbeschluss entzweite den damaligen Kanzler und seine Partei.

          3 Min.

          Helmut Schmidt ist ein guter Kanzler, aber in der falschen Partei: Dieses Wort galt lange nicht nur bei linken Sozialdemokraten. Während seiner Amtszeit schätzten die Genossen Schmidts ökonomischen Sachverstand und nahmen dafür seinen kühlen, mitunter barschen Habitus der Überlegenheit in Kauf, der sich so grundlegend vom zaudernden Charisma ihres geliebten Willy Brandt unterschied. Kühler Respekt, aber keine heiße Verehrung wie für Brandt: Damit war über lange Jahre das Verhältnis von Schmidt und seiner Partei überschrieben - trotz Schmidts Verdienste als pragmatischer Krisenmanager in der Auseinandersetzung mit der Roten Armee Fraktion (RAF) im Deutschen Herbst, der auch den meisten Sozialdemokraten großen Respekt abnötigte.

          Oliver Georgi
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Neben Schmidts hanseatisch-kühler Art und seinem Wertkonservatismus, der vielen in der SPD lange fremd blieb, war es vor allem seine Sicherheitspolitik, die ihn und seine Partei in den letzten Jahren seiner Regierung fast bis zum Bruch entfremdete und ihn letztlich die Kanzlerschaft kostete. Dass Schmidt seit Ende der 70er Jahre auf den Nato-Doppelbeschluss setzte, der Moskau zum Abbau seiner Mittelstreckenraketen zwingen sollte und im Gegenzug die Aufstellung von Pershing-Raketen in Westeuropa ankündigte, nahmen ihm die Genossen bis zur Entfremdung übel.

          Unter den 400.000 Menschen, die im Oktober 1981 auf der Bonner Hofgartenwiese gegen den Beschluss protestierten und seine Rücknahme forderten, waren auch viele SPD-Anhänger, die ihrem Unmut über ihren eigenen Kanzler wütend Luft machten. Schmidt aber war zutiefst davon überzeugt, dass sich der Frieden im Kalten Krieg nur durch Abschreckung würde sichern lassen. In einer Bundestagsdebatte, in der die sozialliberale Koalition am 9. Oktober 1981 auf Drängen der Opposition um den damaligen CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl Stellung zum Doppelbeschluss nahm, schleuderte Schmidt seinen Kritikern in der ihm eigenen rhetorischen Schärfe entgegen: „Ich werde mir das Wort Friedenspolitik und den Inhalt unserer Friedenspolitik von niemandem abhandeln lassen.“ Das war nicht nur an die Opposition, sondern vor allem an die Kritiker aus seiner eigenen Partei gerichtet.

          Doch der Bruch zwischen der Partei und ihrem Kanzler war da längst nicht mehr zu kitten. Nach dem Ende von Schmidts Kanzlerschaft durch ein konstruktives Misstrauensvotum am 1. Oktober 1982 wendete sich die SPD demonstrativ von ihrem früheren Kanzler ab. Auf dem Kölner Parteitag stimmten im November 1983 von 400 Delegierten nur 14 für den Nato-Doppelbeschluss - eine schallende Ohrfeige für Schmidt und eine Demütigung, die er gleichwohl in der ihm eigenen hanseatischen Nüchternheit ertrug.

          Bilderstrecke
          Helmut Schmidt : Ein Ästhet der Macht

          Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass es ausgerechnet diese Sicherheitspolitik Schmidts war, auf deren Opposition die Grünen entstanden - und die mit dazu beitrug, dass im Kalten Krieg irgendwann das Tauwetter einsetzte. Dass vom Nato-Doppelbeschluss ein direkter Weg zum Mauerfall führe, hat nicht zuletzt Schmidts Nachfolger als Kanzler, Helmut Kohl, beleumundet: „Ich bin zutiefst überzeugt, dass ohne den Nato-Doppelbeschluss 1989 nicht die Mauer gefallen wäre und wir 1990 nicht die Wiedervereinigung erreicht hätten“, schrieb Kohl 2009 in seinem Buch „Triumph der Freiheit“. Und weiter: „Entgegen allen Befürchtungen seiner Gegner und Kritiker machte die mit dem Beschluss verbundene Standfestigkeit des Westens die Entspannungspolitik zwischen Ost und West erst möglich - und damit auch Michail Gorbatschow mit Glasnost und Perestrojka in der Sowjetunion.“

          Spätestens mit dem Fall der Mauer, mit dem auch die alten ideologischen Konfliktlinien fielen, begann auch die SPD, sich mit ihrem einst ungeliebten Kanzler zu versöhnen. Und mit jedem Jahr, in dem Schmidt als Publizist bei der „Zeit“ seine öffentliche Rolle als weltmännisches „Orakel“ mit größtmöglichem ökonomischem Sachverstand zementierte, wandten sich auch die Genossen vermehrt dem Mann zu, der nach dem Tod Willy Brandts im Jahr 1992 zum unumstrittenen „elder statesman“ der Sozialdemokratie wurde.

          Altkanzler : Trauer um Helmut Schmidt

          „Er kann regieren“

          In den letzten Jahrzehnten genoss Schmidt in der Partei, die er trotz früherer Anfeindungen stets zutiefst als die seine empfand, eine ähnliche Verehrung wie Willy Brandt - wenngleich womöglich auf eine andere Art: Nach Jahren des kühlen Respekts liebte die SPD nun auch Schmidt, aber sie liebte ihn nach wie vor zuerst mit dem Verstand und vielleicht noch immer nicht so bedingungslos schwärmerisch wie Brandt. Doch wozu Schmidt genickt hatte, das galt fortan in der SPD: Alle Kanzlerkandidaten, ob Gerhard Schröder, Frank-Walter Steinmeier oder zuletzt Peer Steinbrück, zeigten sich nur allzu gerne mit dem „Orakel aus Langenhorn“; Steinbrück ließ sich 2010 gar per „Spiegel“-Titel von Schmidt als geeigneter Kandidat offiziell beglaubigen („Er kann regieren“), noch bevor der düpierte Parteivorsitzende Sigmar Gabriel Steinbrücks Kandidatur offiziell verkündet hatte. Die Rolle Helmut Schmidts in der SPD, sie war zuletzt deckungsgleich mit der öffentlichen: Er war die unumstrittene intellektuelle und moralische Autorität.

          Als Helmut Schmidt 2011 in Berlin zum letzten Mal auf einem SPD-Parteitag zu Gast war, zollten ihm die Genossen minutenlang mit stehenden Ovationen Respekt. Es ist am Ende doch noch eine große Liebe geworden zwischen Helmut Schmidt und der SPD. Keine nüchterne, sondern eine so heiße, wie sie die Sozialdemokratie nach Brandt nur empfinden kann.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Junge oder Mädchen? Manche junge  Menschen müssen das erst herausfinden.

          Transidentität : „Geschlecht ist ein Gefühl“

          Die Regierung möchte, dass jeder und jede künftig Mann oder Frau sein kann. Ganz wie er oder sie mag. Wir haben bei der Berliner Charité nachgefragt, ob das eine gute Idee ist.

          Bluttat in Kopenhagen : Mit dem Gewehr über der Schulter

          Ein 22 Jahre alter Däne mordet in einem Einkaufszentrum in Kopenhagen. Drei Menschen sterben, vier sind lebensgefährlich verletzt. Hinweise auf eine Terrortat gebe es bislang nicht, teilt die Polizei am Montagmorgen mit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.